Von der Beschaffenheit, Einrichtung und Konstruktion des Dekameron will ich später sprechen. Über das Schicksal desselben ist wenig zu sagen, als dass es — unendlichen Anklagen und Verleumdungen zum Trotze — schon nach kurzer Zeit über mehrere Länder verbreitet war, auch seither in vielen Übersetzungen und hunderten von Ausgaben immer wieder gedruckt worden ist. Unglücklicherweise ist keine Handschrift der Novellen von der eigenen Hand des Boccaccio erhalten geblieben, und lange Zeit wurde mit dem Texte so nach Willkür umgesprungen, dass es erst später fleissigen Gelehrten gelang, ihn so ziemlich wieder auf den status quo ante zu bringen.

Das Dekameron hat häufige Wiedergeburten im Geiste anderer grosser Dichter und Künstler gefeiert. Gleichwie in dem Schauspiel „Nathan der Weise“ die dritte Novelle, von den drei Ringen, eine neue Gestalt annahm und wieder Tausende erfreute, so haben früher und später viele andere, vor [pg 38] allem Shakespeare, aus dem Schatze des Florentiners geschöpft, dessen Spuren in zahlreichen Dichtungen aller Völker zu finden sind. Nicht weniger haben die Zeichner und Maler sich an ihm vergnügt und viele seiner Novellen in Bildern dargestellt; und noch im Jahre 1849 hat der britische Malermeister Millais aus der Novelle vom Basilikumtopf (Tag 4, Novelle 5) eine Szene in einem berühmten Gemälde abgebildet.

Der vielen anstössigen Stellen wegen hat man schon früher des öfteren sogenannte verbesserte und purgierte Ausgaben veranstaltet. Was in solchen Fällen, zumeist von geistlichen Herren, am Text verballhornt und geschändet worden ist, lässt sich leicht denken. Dabei kümmerte man sich übrigens wenig um die derben und heiklen Stellen, sondern vor allem um jene, in welchen Boccaccio der Geistlichkeit unliebsame Wahrheiten gesagt hat. Einmal, ums Jahr 1570, wurden zu Florenz vier Herren ernannt zu der Aufgabe, das Dekameron endgültig von allen gegen die Satzungen der Kirche verstossenden Stellen zu säubern. Da wurden, wo immer es nötig [pg 39] schien, aus den Mönchen Bürger und Ritter, aus den Nonnen Edeldamen gemacht, zwei von den Novellen wurden zu einem mysteriösen Unsinn verbessert, und als nach langer Mühe die Ausgabe vollendet war, zeigte es sich, dass den Herren eine der heitersten Geschichten durch die Finger geschlüpft war, und jenes Dekameron hatte statt hundert nur neunundneunzig Novellen. Ausserdem ist das Buch häufige Male „für die Jugend“ ediert worden und wird es in Italien „per giovani modesti“ heute noch.

Besonders schlimm erging es ihm mehr als hundert Jahre nach seines Verfassers Tod, zur Zeit des wohlbekannten oder übelbekannten Savonarola. Dieser wütende und vermutlich geisteskranke Mönch, welcher nach Kräften dazu beitrug, Florenz und Italien dem Untergang näher zu bringen, hat ausser einer Menge von anderen schönen Dingen auch sehr viele Exemplare des Dekameron öffentlich verbrennen lassen.

Wo jedoch eine kräftige Quelle aus der Erde gebrochen ist, hat das Verbauen und das Exorzieren niemals viel geholfen, und es [pg 40] ist schwerer, etwas geistig Lebendiges zu ertöten, als etwas Totes wieder zum Leben zu bringen. So hat denn auch Boccaccio manche Zeitgenossen und Nachfolger gehabt, deren erloschenen Ruhm die Gelehrten mit unsäglichen Mühen bis auf heute herüber geschleppt haben, indessen er selber inmitten aller Keulenschläge am Leben blieb und heute noch den gleichen Glanz und Zauber hat wie seinerzeit.

Indem ich dieses schreibe, träumt mir von einem Cypressenbaum am Hügelabhang zwischen Vincigliata und Settignano, wo ich vor Zeiten zum erstenmal, im Grase liegend, das köstliche Buch genoss. Es lief ein lauer Wind talab, mit Blütenduft von Limonen und Mandeln beladen, es lag ein süsses Licht über Florenz und allen Bergen, und es sang aus einem fernen Garten eine welsche Laute herüber, allein ich sah es nicht und hörte es nicht; ein süsserer Duft und ein viel köstlicherer Klang stieg mir aus den gelben Blättern des alten Buches zu Häupten.

[*]Wodurch aber niemand von der Lektüre einer Übersetzung abgeschreckt werden soll! Vor den zahlreichen verkürzten und verstümmelten Ausgaben aber sei dringend gewarnt! Das Dekameron muss notwendig unverkürzt gelesen werden. Zur Zeit ist die einzige vollständige, übrigens ganz vortreffliche deutsche Übersetzung die von Schaum, deren neue Ausgabe in drei Bänden 1903 im Insel-Verlag in Leipzig erschienen ist.

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Das Buch Dekameron ist auf eine solche Art eingerichtet, dass seine hundert Novellen an zehn Tagen von zehn jungen und edlen Leuten erzählt werden, und darunter sind sieben Mädchen und drei Jünglinge. Auf diese Weise kommt daher jede Novelle nicht aus unbestimmter Ferne, sondern frisch aus dem Munde eines jungen Erzählenden zu uns her geklungen. Und überdies ist also diese Zahl von hundert Geschichten und Schwänken von einer lebendigen Erzählung umflochten, hat auch jeder von den zehn Tagen seine besondere Art und Färbung.