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Man hört gar häufig sagen, das Dekameron sei ein unanständiges und verwerfliches Buch. Und diejenigen, welche dies sagen und gerne predigen, sagen es zum Teil nach dem blossen Hörensagen, zum Teil aber kennen sie das verwerfliche Buch sehr gut und lesen es in der Stille häufig. Was nun die Unanständigkeit betrifft, welche stets in Büchern viel heftiger als im Leben bekämpft wird, so kann und mag ich sie keineswegs leugnen. Als ich einstmals in demselben Tal des Mugnone, wo es seinen Schauplatz hat, das Dekameron in einem schönen Frühlingsmonat ganz durchlas, pflegte ich der Wärme wegen frische Limonen dazu zu speisen. Und nun hatte ich die Gewohnheit, dass ich bei jeder Novelle, die mir unanständig erschien, einen Limonenkern in meine Tasche steckte, und als ich ganz zu Ende gelesen hatte, zählte ich neununddreissig solche Kerne. Hiernach wäre denn etwas mehr als ein Dritteil des Dekameron von unanständiger Beschaffenheit.

[pg 51] Obwohl ich glaube, dass gerade diese neununddreissig Novellen zu den schönsten und ergötzlichsten gehören, will ich doch den Inhalt derselben nicht zu verteidigen unternehmen. Es ist eine Ordnung der Natur, dass die Menschen gleich anderen lebenden Geschöpfen ihre Art nicht (wie manche Pflanzen tun) sich durch Knollen fortsetzen, sondern in zwei Geschlechter zerfallen, woraus beiden Teilen ebenso wohl viel Vergnügen als häufiger Kummer entsteht. Und es ist eine andere Ordnung (diese jedoch nicht von der Natur), dass die meisten wohlgesitteten Menschen diese natürlichen Dinge zwar billigen und ihren Gesetzen folgen, aber durchaus nicht davon gesprochen wissen wollen. Und auch noch viele, welche mündlich nicht selten davon zu sprechen und zu hören pflegen, sehen es doch in gedruckten Büchern nicht gerne.

Unser Novellenbuch hat das Bestreben und die Eigenschaft, ein Spiegel des wirklichen Lebens zu sein. Wie ich für sicher glaube, hat wohl an der Hälfte aller wichtigen menschlichen Begebnisse, Leidenschaften, [pg 52] Schicksale, Freuden und Leiden das Verhältnis der Geschlechter grossen Anteil. Wenn nun das Geschichtenbuch des Boccaccio nur zu einem Dritteil von solchen Stoffen handelt, ist es also doch immer noch um ein Erkleckliches anständiger und schamhafter als das Leben selber. Ausserdem sind diese Stoffe von den Erzählern teils so zart und mit guten Nutzanwendungen vorgetragen, teils so fein und erheiternd mit Witz und Wortspiel verziert, teils auch so burlesk und drollig, dass ihnen die natürliche Gemeinheit zum guten Teil genommen ist und dass sie bei gesunden und vernünftigen Lesern gewiss keinen Schaden anzurichten vermögen. Dazu kommt, dass neben diesen anderen so viele Geschichten voll Reinheit und Edelsinn stehen, ja auch unter denen, welche ausschliesslich von der Liebe handeln, finden sich nicht wenige Beispiele von seltener Keuschheit, Treue und Ehrbarkeit. Überdies war der Meister ehrlich genug, jeder Geschichte ihren kurzen Inhalt in Überschriften voranzustellen, so dass, wer gewisse Dinge verabscheut, die davon handelnden Novellen ungelesen überschlagen kann.

[pg 53] Ein besonderer Vorwurf wird ungerechter Weise dem Dekameron darüber gemacht, dass die einzelnen Geschichten von Erzählern beiderlei Geschlechts berichtet werden und dass die jungen Damen nicht nur manche derbe Posse mit anhören, sondern auch selbst solche erzählen. Mir ist zwar nicht bekannt, weshalb die Frauen so viel mehr als die Männer vor jenen Dingen Scheu haben sollten, auch kann man jeden Tag sehen, dass dem in Wirklichkeit nicht so ist; dennoch hat auch hierfür der Meister sich fein und deutlich entschuldigt, indem fast jede Novelle im Beginn oder am Schlusse einleuchtend erklärt, warum und in welcher Absicht sie erzählt sei. Die Einführung der Erzählungen heiklen Inhalts hat Boccaccio auf eine ungemein heitere und kluge Weise gegeben. Unter den drei Jünglingen der Gesellschaft befindet sich einer namens Dioneus, ein Witzemacher, Spötter und Schalk vom reinsten Wasser. Dieser nun ist der erste, welcher am ersten Tage es wagt, eine sogenannte saftige Geschichte vorzutragen, und er behält sich das Recht vor, ohne Zwang jedesmal gerade das zu [pg 54] erzählen, was er im Augenblick besonders unterhaltend fände. Dieser Dioneus fährt denn auch stets, ohne sich sonderlich an das vorgeschlagene Thema zu halten, in der begonnenen Art fort, und unter den zehn von ihm erzählten Novellen sind nur zwei, die nicht anstössig wären, und auch von diesen beiden ist noch die eine, obwohl frei von Liebesabenteuern, voll von anderen kräftigen Scherzen und Spöttereien.

Die erste von Dioneus erzählte Posse, worin ein Mönch sich in die Liebe einer Dirne mit dem Abte teilt, erregt bei den Damen Erröten und Schelten. Allmählich wagen es nun auch die beiden anderen Jünglinge, Ähnliches vorzutragen, bei den Mädchen überwiegt bald das Gelächter den Unwillen, und nach und nach entschlüpft auch ihnen da und dort eine derbe Historie, bis am Ende die Scheu ganz überwunden ist und alle ihren natürlichen Eingebungen folgen, so dass zuletzt auch von den Damen jede wenigstens eine oder zwei derartige Anekdoten zum Besten gegeben hat. Dioneus freilich bleibt hierin obenan, nicht nur was [pg 55] die Anzahl, sondern auch was die Stärke seiner Possen betrifft. Welcher Novelle in dieser schlimmen Hinsicht der Vorrang gebühre, mag jeder für sich entscheiden. Aber auch davon abgesehen, dass alle diese von der sinnlichen Liebe handelnden Stoffe mit vieler Schönheit und Kunst vorgetragen werden, sind Reden und Benehmen der zehn jungen Leute im übrigen so ehrbar und tadelfrei, dass man wohl sehen kann, wie Reden und Tun zweierlei Dinge sind und wie Freimütigkeit sich mit guter Sitte sehr wohl verträgt. Darin könnte sogar mancher von den Erzählern der hundert Novellen viel Nützliches lernen.

Im Ernst möchte ich keinem klugen Leser raten, die unanständigeren Novellen des Dekameron völlig zu überschlagen. Wer selbst von guter und reinlicher Natur ist, wird gewiss das wirklich Unsäuberliche von selber liegen lassen. Davon abgesehen, offenbart sich aber gerade in einigen der derberen Geschichten die Art des Boccaccio am besten, so dass man in ihnen ebenso die grosse Anschaulichkeit und Wahrheit der Darstellung [pg 56] wie die Lebendigkeit der Sprache bewundern muss. Es sind von Alters her die Florentiner in Witzworten, Anspielungen und schalkhaften Wendungen der Rede sehr geübt gewesen und sind es auch heute noch in hohem Grade. Da nun Boccaccio in jenen Anekdoten und Possen durchaus dieselbe Sprache redet wie das florentinische Volk auf der Gasse, zeigen dieselben ihrem Inhalte zum Trotz häufig eine Anmut und Natürlichkeit, welche fast nie von anderen Schriftstellern erreicht wurde.

Wer noch weiteres zur Verteidigung des armen Giovanni gegen fromme Vorwürfe für notwendig hält, möge seine eigenen Rechtfertigungen lesen, welche am ausführlichsten in der Einleitung, sowie in der Vorrede zum vierten Tage und im Epilog sich finden. Wohl dem, der dessen nicht bedarf und sich frohen Herzens des dargebotenen reichen Genusses erfreut!