BOCCACCIO nach einem Gemälde von Andrea del Castagno
Übrigens sind die Novellen des Boccaccio vor Zeiten keineswegs vornehmlich deshalb so getadelt worden, weil sie öfters in freimütiger Weise von den Vergnügungen der [pg 57] Liebe handeln; denn von diesen Dingen wurde in jenen Zeiten viel natürlicher und freier gesprochen, als es heute Sitte ist, wo man zwar in allen Verderbtheiten grosse Übung hat, aber davon zu reden sich gewaltig scheut. Auch ist sowohl die deutsche wie die englische Literatur der älteren Zeit reich an Unflätereien, neben welchen die bösesten Stellen des Boccaccio noch wie Gebete klingen.
Vielmehr zielten die vielen Anklagen damaliger Zensoren fast ausschliesslich darauf, dass im Dekameron häufig, wie man meinte, die heilige Religion und Kirche angetastet und verhöhnt werde. In dieser Hinsicht ist nun freilich die heutige Zeit weniger eilig zum Verdammen geneigt.
In Wirklichkeit findet man in dem ganzen Werke keine noch so kleine Stelle, welche wider die Religion gerichtet wäre oder die Absicht hätte, sie zu verspotten. Im Gegenteil ist öfters von göttlichen Gesetzen und vom christlichen Glauben in den aufrichtigsten und gläubigsten Ausdrücken die Rede. So wird auch von der Gesellschaft der Zehne [pg 58] jedesmal der Freitag und Samstag mit Strenge gefeiert, und an diesen Tagen hören wir weder von Geschichtenerzählen noch von sonstigen Lustbarkeiten. Was aber uns heute billig und gerecht erscheint, damals jedoch zu grosser Verdammung gereichte, das ist der Umstand, dass Boccaccio bei jeder Gelegenheit von Priestern, Mönchen und Nonnen, auch von Äbten, Bischöfen, Prioren und hohen geistlichen Herren mit der kühnsten Freimütigkeit gesprochen hat. Er tat dieses teils, indem er die unanständigen und lasterhaften Handlungen, wenn er solche berichtet, fast immer solchen Klerikern in die Schuhe schob, teils redete er aber auch unverhüllt in den strengsten und heftigsten Ausdrücken über Priester und Mönche. Von diesen sagt er, ausser an vielen anderen Orten, in der siebenten Novelle des dritten Tages:
„Sie schreien über die Üppigkeit gegen die Männer, damit, wenn sie diese sich vom Halse geschafft haben, die Weiber für die Schreier zurückbleiben. Sie verdammen den Wucher, damit sie, wenn der Sünder durch ihre Hände den ungerechten Gewinst zurückerstattet, [pg 59] sich vorher daraus die weitesten Kutten machen lassen und Bistümer und Prälaturen kaufen können. Sie predigen lauter Gutes — aber warum? Damit sie selbst das tun können, was, wenn sie es den Weltlichen nicht verböten, sie nicht tun könnten! Wenn du den Weibern nachläufst, so kann der Frater nicht bei ihnen ankommen. Wenn du nicht geduldig bist und Beleidigungen vergibst, so darf der Frater es nicht wagen, dir in's Haus zu dringen und deine Familie zu beschmutzen. Ich habe in meinem Leben tausende von ihnen gesehen, welche nicht allein weltliche Frauen, sondern auch solche aus den Klöstern liebten, verführten und besuchten, und das waren jene, die den meisten Lärm auf den Kanzeln machten.“
Von den allerhöchsten Kirchenfürsten aber handelt die von Neiphile erzählte zweite Novelle des ersten Tages. Nämlich einem reichen und redlichen jüdischen Kaufmann zu Paris, namens Abraham, liegt sein Herzensfreund dringlich an, er möchte doch die Taufe nehmen und Christ werden, um nicht der ewigen Seligkeit dereinst ledig zu bleiben. Der Jude, als [pg 60] ein sehr verständiger Mann, sieht dessen Richtigkeit wohl ein und beschliesst, nach Rom zu reisen und daselbst des Papstes und der Kardinale Art und Sitten wohl zu beobachten, ob sie wirklich als die Hüter und Verkündiger eines so erhabenen Glaubens zu schätzen seien. Vergebens sucht der erschrockene Freund, welcher allzuwohl weiss, wie es in Rom aussieht und zugeht, ihn abzuhalten. Abraham besteht auf seinem Entschluss und zieht nach Rom, und was er dort zu sehen bekommt, ist Laster über Laster, Habgier, Herrschsucht, Neid, Wollust, Unflat und derlei mehr. Allein der kluge Jude, da er endlich wieder nach Paris heimkehrte, lässt sich zum unendlichen Erstaunen seines Freundes trotzdem taufen. Denn, sagt er, wenn der Papst und alle seine Oberhirten und Unterhirten seit langer Zeit alle statt Gotte dem Teufel dienen und sich Mühe geben, Christi Lehre in den Kot zu treten, diese aber dennoch besteht und lebt und sich ausbreitet, so muss sie wahrlich von Gott sein, sonst wäre sie längst ertötet und von der Erde verschwunden.
[pg 61] Ich weiss nicht, ob diese Anekdote jemals dem Doktor Luther zu seiner Zeit bekannt worden ist. Wenn er sie aber gehört hat, so weiss ich gewiss, dass er seine grosse Lust daran gehabt hat.
[pg 62]