„Die alte Emanuelsburg lauft uns nicht davon,“ sagte die Freundin, und damit trösteten sich beide und traten errötend und mit gesenkten Blicken in den Garten, wo man durch ein Netzwerk von Zweigen und braunen, harzigen Kastanienknospen den Himmel noch blauer lachen sah. Es war ein herrlicher Nachmittag, und als Tine gegen Abend in die Stadt zurückkehrte, tat sie es nicht allein, sondern wurde höflich von einem kräftigen, hübschen Mann begleitet, um den ihre nebenher laufende Freundin sie mit Recht nicht wenig beneidete.

Und diesmal war die hübsche Tine an den Rechten gekommen. Er war Zimmermannsgesell und ein brauchbarer Mensch, der mit dem Meisterwerden und einer etwaigen Heirat nicht mehr allzu lange zu warten brauchte. Er sprach andeutungsweise und stockend von seiner Liebe und deutlich und fließend von seinen Verhältnissen und Aussichten. Es zeigte sich, daß er unbekannterweise die Tine schon einige Mal gesehen und begehrenswert gefunden hatte und daß es ihm nicht nur um ein vorübergehendes Liebesvergnügen zu tun war. Eine Woche lang sah sie ihn täglich und gewann ihn täglich lieber, zugleich besprachen sie offen alles Nötige, und dann waren sie einig und galten voreinander und vor ihren Bekannten als Verlobte.

Auf die erste traumartige Erregung folgte bei Tine ein stilles, fast feierliches Fröhlichsein, über welchem sie eine Weile alles vergaß, auch den armen Schüler Karl Bauer, der in dieser ganzen Zeit vergeblich auf sie wartete.

Als ihr der vernachlässigte Junge wieder ins Gedächtnis kam, tat er ihr so leid, daß sie im ersten Augenblick daran dachte, ihm die Neuigkeit noch eine Zeitlang vorzuenthalten. Dann wieder schien ihr dies doch nicht gut und erlaubt zu sein, und je mehr sie es bedachte, desto schwieriger kam die Sache ihr vor. Sie bangte davor, sogleich ganz offen mit dem Ahnungslosen zu reden, und wußte doch, daß das der einzige Weg zum Guten war; und jetzt sah sie erst ein, wie gefährlich, wenn nicht unrecht ihr wohlgemeintes Spiel mit dem Knaben gewesen war. Jedenfalls mußte sogleich etwas geschehen, ehe der Junge durch andre von ihrem neuen Verhältnis erfuhr und dumme Streiche machte. Auch wollte sie durchaus nicht, daß er schlecht von ihr denke. Sie fühlte, ohne es deutlich zu wissen, daß sie dem Jüngling einen Vorgeschmack und eine Ahnung der Liebe gegeben hatte und daß die Erkenntnis des Betrogenseins ihn schädigen und ihm das Erlebte vergiften würde. Sie hatte nie gedacht, daß diese harmlose Knabengeschichte ihr so zu schaffen machen könnte.

Am Ende ging sie in ihrer Ratlosigkeit zur Babett, welche freilich in Liebesangelegenheiten nicht die berufenste Richterin sein mochte. Aber sie wußte, daß die Babett ihren Lateinschüler ehrlich lieb hatte und sich um sein Ergehen sorgte, und so wollte sie lieber einen Tadel von ihr ertragen als den jungen Verliebten unbehütet alleingelassen wissen.

Der Tadel blieb allerdings nicht aus. Die Babett, nachdem sie die ganze Erzählung des Mädchens aufmerksam und schweigend angehört hatte, stampfte zornig auf den Boden und fuhr die reumütige Bekennerin mit rechtschaffener Entrüstung an.

„Mach keine schönen Worte!“ rief sie ihr heftig zu. „Du hast ihn einfach an der Nase herumgeführt und deinen gottlosen Spaß mit ihm gehabt, mit dem Bauer, und nichts weiter.“

„Das Schimpfen hilft nicht viel, Babett. Weißt du, wenn mir’s bloß ums Amüsieren gewesen wär’, dann wär’ ich jetzt nicht zu dir gelaufen und hätte dir’s eingestanden. Es ist mir nicht so leicht gewesen.“

„So? Und jetzt, was stellst du dir vor? Wer soll jetzt die Suppe ausfressen, he? Ich vielleicht? Und es bleibt ja doch alles an dem Bub hangen, an dem armen.“

„Ja, der tut mir leid genug. Aber hör mir zu. Ich meine, ich rede jetzt mit ihm und sag’ ihm alles selber, ich will mich nicht schonen. Nur hab’ ich wollen, daß du davon weißt, damit du nachher kannst ein Aug’ auf ihn haben, falls es ihn zu arg plagt. — Wenn du also willst —?“