Die müssige Menge sog begierig die Geschwätze und geflüsterten Sagen und den Duft des Wunderbaren ein, der sie nebst dem Rausch des Feiertages und der Erwartung erhitzte und betäubte. Man sprach von den Pferden und Wagen der Gäste, von den bevorstehenden Vergnügungen des Hofes und denen des Volkes, welchem auf den Abend ein Feuerwerk versprochen war. Neben den anpreisenden Rufen der Verkäufer waren die von lautem Gelächter begleiteten Spässe der Hanswurste zu hören, die Bettelreden sitzender Krüppel und umhergestossener Einarmiger oder geführter Blinder, die ermahnenden, aber wohlwollenden Stimmen anwesender Ratsherren, und das gelle Spassen und jache Lachen der Freudenmädchen. Die Trinkbuden bevölkerten sich, und mancher Unkluge nahm den erwarteten Genuss des Festtages im vorzeitigen Rausch vorweg. Andere umstanden ein Kasperltheater oder ein Loosrad oder die Wettspiele der Kinder, welche nach ausgehängten Preisen kletterten und sprangen. Balladensänger und Sackpfeifer wurden angehört, im Gedränge verloren sich Familien und Freunde auseinander und fanden sich Liebespaare, denen die Wirre des Festplatzes ersehnte Gelegenheit zu verbotenen Zusammenkünften gab.
In den gewundenen Spazierwegen des äusseren Parkes sassen und lustwandelten die Alten, die Angesehenen der Stadt, reiche Bürger, Räte und Richter, und langsame Pfarrer, im Genuss der gepflegten Zierbeete und Rasen und der schattigen Ruhebänke. Ein feister Ratsherr erklärte mehreren Fremden die Anlage der Alleen und Wege und die Lage des Schlosses, und rühmte den Wohlstand seiner Stadt und den freigebigen Reichtum seines Königs.
Der Lärm, das Bürgergespräch, die modisch gekleideten Städter und das glotzende, schwergestiefelte Landvolk schändeten die Alleen und die Gärten, und stachen hart von dem Ernst der alten Platanen und von der eleganten Schönheit der fürstlichen Anlagen ab, deren verschlungene Wege, von allerlei seltenem Laub überschattet, dazu bestimmt waren, von Prinzessinnen in adliger Gesellschaft oder von den Phantasiebildern eines fürstlichen Dichters beschritten zu werden.
Um die Mittagstunde sammelten sich grosse Volkshaufen vor den Portalen des Schlosshofes, neugierig auf die Tafelmusik und auf den erhofften Anblick der Herrschaften. Ein dröhnender Jubel brauste empor, da der Kronprinz an einem Fenster sich zeigte. Er war dunkel, mager, ein wenig gebückt, und hatte ein scharfes, kluges, wachsblasses Gesicht mit dunklen, forschenden Augen. Er bewegte grüssend das Haupt, und in eben diesem Augenblick trat der König neben ihn, lächelnd und mit lebhafter Bewegung der grüssenden Hand. Er war gross, dick und aufrecht; die Farbe seines breiten Bartes schwankte noch zwischen blond und grau, sein Gesicht aber war frischrot und glänzend und die Stirne schier ohne Falten. Er trug ein rotes Gewand mit breiten, weissen Säumen. Er liebte alle Festlichkeiten und verbarg seine Fröhlichkeit der Menge nicht. Kopfnickend verliess er mit dem Kronprinzen das Fenster.
Während draussen die Rufe der beglückten Menge langsam zerrannen, setzte sich der König im roten Saale zu Tisch. Zwei schimmernde Reihen geschmückter Herren und Edeldamen sassen an einer ungeheuren Tafel verteilt, immer eine Dame zwischen zwei männlichen Gesellschaftern. Zur Rechten des Königs sass die weiss gekleidete Königin, seine dritte Frau, von Allen ihrer schlanken, stummen Schönheit wegen bewundert. Zur Linken des königlichen Sitzes sass ein schwarzhaariger Buckliger, schweigsam und häufig aus tiefliegenden, glänzenden Augen umherschauend. Dieser war des Königs Bruder. Ihm war der scharfe, zähe Verstand zu eigen, welchen man oft bei Krüppeln findet, und, unbekannt der Welt, leitete sein wacher Fleiss und sein ernstes, scharfes Auge die Geschäfte der Regierung. Ihm verdankte unwissend das Land seinen Wohlstand und der leichtherzige König die Erhaltung seiner ererbten, unermesslichen Reichtümer.
An die Enden der Tafel waren die Prinzen gesetzt, der Kronprinz und sein jüngerer Halbbruder, aus der zweiten Ehe des Königs, seiner Herzensehe entsprossen, ein heller, fröhlicher Ritter. Die Grafen und Gräfinnen und Barone und ihre Frauen und Töchter waren nach Neigung und Freundschaften gemischt, die drei vornehmsten und ältesten Vasallen dem Könige gegenüber. Silberne Teller und krystallene Weinkelche wurden von zahlreichen edelgeborenen Pagen bedient. In der Nähe des Prinzen glänzte das helle Jünglingshaupt seines Lieblings, des Sängers, welchen der König, da jener ein Meister seiner Kunst und von feinen Sitten war, nach italienischem Vorbilde an sein Haus gefesselt hatte. Er war dem König in kurzer Zeit lieb und befreundet geworden, denn er verstand meisterlich alle angenehmen Künste, zumal Poesie und Gesang, und war ein Erfinder vieler Feste, Tänze, Mummenschänze und sonst ergötzlicher Belustigungen.
Der König redete viel mit den Frauen seiner Vasallen. Die Männer überliess er seinem Bruder, der durch kurze, schwere Fragen und Blicke die Herren durchforschte. Die Königin allein sass schweigsam und ohne viel zu lächeln. Ihr feines, blasses Haupt wendete sich langsam zuweilen um, ihr dunkles Auge ging durch die Reihen der Tafelnden, ruhte auf den Stirnen schöner Ritter, und ging weiter, den Schönsten zu suchen. Ihr geschlossener Mund war von hellem Rot, wie die Frucht der wilden Rose, fein und hochmütig, und karg mit Lächeln. Sie lehnte oft im Sessel zurück und hörte aufmerksam den Geigern zu, welche auf einer niederen Galerie gedämpfte, süsse Melodien spielten. „Eure königliche Majestät lieben die Kunst der Musik?“ fragte sie ehrerbietig ihr Nachbar, ein alter Graf. Sie wandte langsam das Haupt gegen ihn und die verschleierten Augen.
„Ihr rietet richtig, Herr Graf“ sagte sie dann würdig, wandte wieder den Blick und hörte wieder auf die feinen Töne. Einmal wandte der Sänger sich um und hüllte das Haupt der Königin in einen langen, glänzenden Blick, und wog im Herzen sein Schicksal gegen eine junge, süsse Sehnsucht.
Nach aufgehobener Tafel legten sich viele in die Polster, zu ruhen, und andere wandelten anschauend durch die Säle, deren Estriche mosaikgeschmückt und deren Wände mit Bildern und köstlichen gewirkten Stoffen behangen waren. Der Prinz nahm den Arm des Sängers und zog ihn über die breiten Treppen ins Freie. An einer kühl verschatteten Ruhebank machten sie Halt. Der Sänger setzte sich auf die Bank und lehnte sich an den gerundeten Stein. Der Prinz aber warf seinen Mantel ins Gras und legte sich darauf. Er lehnte den blonden Kopf an das Knie des Freundes und richtete die Blicke vergnügt auf den vom Gerank der Zweige vergitterten lichten Himmel. Nach kurzer Weile begann er zu plaudern. „Sag’ mir doch, du Kenner, was ist das Schönste und Begehrenswerteste in der Welt? Ist es der Schmuck des Reichtums, oder des Ruhmes, ist es der himmlische Zauber der Kunst, oder der brünstige Schrei eines entzündeten Weibes, oder das Leben der Hirten?“ Der Sänger lachte. „Du Ungeduld! Du suchst den Schatz des Glückes in der Schale einer Nuss. Aber die Schönheit und das Glück sind reicher als wir, und haben tausend Wege, und tragen Früchte auf allen Bäumen. Was ist Reichtum ohne Liebe, oder Wollust ohne Schönheit? Am begehrenswertesten aber scheint mir vielleicht dieses: Ein Weib von höchster Geburt und adligem Herzen, das in Liebe sich seiner Rechte entkleidet. Welches bittet, indem es schenkt.“
Der Prinz legte sich weiter zurück, und lächelte, und spielte mit seinen schlanken, weissen Fingern. Der Freund fuhr fort: „Auch wird das, was uns gestern liebenswert und unübertroffen schien, im Schatten der Ereignisse mit den Tagen blasser und verliert seinen frischen Reiz. Ich erfand vor einigen Jahren, in Italien, als zum ersten Mal eine verliebte Weiberhand mich streichelte und mein Herz voll neuer Wonne war, — da erfand ich aus meiner Lust ein Lied für die Geige, und that darein, was ich Süsses und Heimliches wusste und glaubte lang, in dieser Weise sei aller Zauber und alles Holde versammelt, so als wiege sich das Glück selber im Netz der Töne. Als ich dasselbe Lied hernach der zweiten und der dritten Frau zu hören gab, und als neue Lieder mich umtrieben und gesungen sein wollten, da sah ich den Boden der Tiefe und musste lachen. Und jetzt scheint es mir ein liebliches Kinderlied zu sein.“