Vom breiten Weg her kam Geräusch. Der Kronprinz und des Königs Bruder traten in den Schattenkreis des Gebüsches. Da der Kronprinz den Bruder zu den Füssen des Sängers liegen sah, ging über seine harten Lippen ein scharfes Lächeln. Er grüsste nicht und kehrte nach dem Schlosse zurück, der Oheim aber senkte mit Wohlgefallen das ernste Auge auf die Befreundeten. „Siehe da, meine Blondköpfe! Nennt mir, worüber Ihr redetet, damit ich teilnehme!“ Der Sänger verneigte sich und nötigte den königlichen Kanzler zu sitzen. Der Prinz, seines Kopfkissens beraubt, setzte sich mit gekreuzten Beinen gegen die Bank gewendet. „Euer Neffe wünscht zu erfahren, was wohl in der ganzen Welt das Schönste und Begehrenswerteste ist.“

„Eine leichtsinnige Frage“, sagte der Alte, — „und eine schwere Frage! Hattet Ihr ihm eine Antwort?“

„Er meinte, das Höchste wäre: Eine —“ die starke Hand des Sängers presste sich auf den lachenden Mund des Prinzen und erstickte den Rest seiner Antwort. „Narreteien!“ Der Bucklige heftete seinen klaren Blick auf den Ungestümen und drohte scherzhaft mit dem Finger. „Eine Frau“, — vollendete er den Satz. „Aber welche nun? Herr Künstler, Eure blonde Jugend weiss in der Liebe besser Bescheid als meine unreizende Person.“

„Eure Gnaden überfordern mich. Mir war bisher die Liebe nur ein Schmuck und Spiel, oder ein Gegenstand für meine Singweisen. Ein Künstler, wer er sei, bedarf der Frauen, denn ihre Nähe macht glücklich und warm, was beides der Künstler zu seiner Arbeit sein muss.“

Der Prinz schnitt ein drolliges Gesicht. „Freilich! aber nicht die Künstler allein. Notwendig sind die Frauen auch für die Prinzen, die in Friedenszeiten an langer Weile leiden.“ „Halt an!“ rief der Oheim. „Deine Abenteuer sind uns sattsam bekannt. Mich wundert, wie lange du noch an langer Weile leiden willst. Wenn die Geschäfte dir widerwärtig sind, warum treibst du keine Studien und keine ernstliche Kunst? Dein Bruder studiert in der kargen Zeit, welche er nicht den Staatsgeschäften widmet, die Geschichte der Malerkunst und die Sammlungen meines Vaters.“ Der Prinz unterbrach ihn heftig. „Mein Bruder! Er arbeitet, weil er geizig ist, und weil ihn zu regieren lüstet. Mag er studieren, so viel er will, er lernt doch nur Jahreszahlen und Namen, und sein Kunstverstand ist auf die Kenntnis der Bilderpreise beschränkt. Wie viel Goldstücke für eine Leinwand bezahlt werden, ist ihm wichtiger zu wissen als alle Geschichte. Sein Gehirn ist eine Rechentafel.“

Der Oheim gab keine Antwort und betrachtete mit Sorge die blanke Stirne des Prinzen, und seine frohen, genusssüchtigen Kusslippen, und die ganze ziere Gestalt. Er war das Abbild des Königs, in feineren, eleganteren Linien, mit denselben sorglosen Manieren, aber noch deutlicher mit dem Stempel des Leichtsinns gezeichnet. Da beide Jünglinge schwiegen, zog der Alte ein kleines, fein in Leder gebundenes Büchlein hervor und bat den Sänger vorzulesen, wobei er eine Stelle mit dem Zeigefinger bezeichnete. Die klingenden Verse eines italienischen Dichters flossen rein vom Munde des Lesers, dem beruhigenden Gesang eines fallenden Wassers zu vergleichen.

Während der Lesung entwich der Prinz leise seitab, liess einen Schimmel satteln und that einen übermütigen Ritt nach der Stadt, durch die hastig ausweichende Menge in schonungslosem Trab sich drängend. Er hatte für den Abend ein Maskenkleid zu arbeiten gegeben, nun wandelte in der letzten Stunde die Lust zu einer Änderung ihn an. Nach kurzer Frist ritt er den Weg zurück, vom scheuen Volk gegrüsst, über welches er hin und wieder einen Wurf von kleinen Münzen streute.

Der Sänger, nachdem ihn des Königs Bruder dankend und freundlich entlassen, ging nachdenklich in den Palast zurück. Er wandelte durch Gänge und Säle bis zu der schmalen Wand eines Kabinettes, wo das gemalte Bild der Königin in goldenem Rahmen hing. Vor diesem stand er lang. Und da er sich mit heissen Augen von dem Bildnis wandte, trat eben mit ihren Frauen die Königin selber durch die Thüre. Er bückte sich tief. Sie fragte nach dem Prinzen. „Er verliess mich bald nach der Mahlzeit. Befehlet Ihr ihn zu suchen?“

„Der Wildfang! — Bemühet Euch nicht. Habt Ihr Lust mir zu dienen, so bringet Eure Violine her. Ihr Klang ist mir lieb, denn er erinnert mich meiner fernen Heimat.“ Er eilte nach seiner Geige. Sie begehrte das schöne Spielwerk zu sehen und nahm es in ihre feinen Hände. Ihre Linke umschloss den schlanken Geigenhals. „Ein gepriesener Meister hat sie gebaut“, erklärte der Sänger, „und sie vermag mehr als irgend sonst ein ähnliches Stück. Man sagt, dass der langher verstorbene italienische Meister den Laut menschlicher Stimme aus ihr zu locken verstand.“ Aus ihren Händen nahm er die Geige zurück und sah mit glänzendem Auge die Spur ihrer Finger, von einem schmalen Hauchstreif gesäumt leicht und schmal auf die blanke Fläche gedrückt. Darauf presste er das feste Kinn auf die Wölbung und geigte einen langen, wachsenden Ton. Der süsse Laut erfüllte das ganze Gemach, und zitterte, und wurde zur Sprache einer brennenden Sehnsucht. Die Königin schloss die Augen und wiegte leise das zarte Haupt, auf dem das Auge des Spielers glühend und beschwörend ruhte.

In dieser Stunde erkannte der Sänger, dass seine neue Liebe kein Spiel und Schmuck war, sondern ein Ernst und eine Wunde. Er spielte seiner hohen Dame zu Dank. Sie gab ihm, was sie zuvor noch nie gethan hatte, beim Weggehen die Hand, die schmale, königliche, und sagte: „Ihr verstehet Eure Kunst! Ich habe lange nicht so süsse Töne vernommen. Habt Dank!“