Am Abend begann in dem grössten Saal des Schlosses das Maskenfest. Die Gäste trugen Florlarven und allerlei Gewänder persischer, griechischer, spanischer und sonst fremdländischer Art, oder Tierfelle, oder die Kostüme heidnischer Götter. Der Saal war reich geschmückt und von goldenen Kronleuchtern erhellt.

Der König trug keine Larve und nur ein altertümliches, reichzackiges Diadem als besonderen Schmuck. Der Kronprinz war in einer dunklen Mönchskutte leicht zu erkennen. Sein Bruder aber wurde von niemandem erkannt. Er war mit Wams und Hut eines Lanzknechts bekleidet und nicht der Einzige, der diese einfache Tracht gewählt hatte. Der Sänger trug einen künstlichen, schwarzen Bart und die volkstümliche Kleidung der Neapolitaner. Er suchte die Nähe der Königin, welche die bunte Volkstracht ihrer südlichen Heimat trug. Ein Gewimmel von Wilden und Bären, von Göttern und Göttinnen, von Schäfern, Gnomen und Bergknappen erfüllte den grossen Saal.

Der Prinz verliess bald unbemerkt das Fest. Er warf einen schweren Mantel über und befahl einem vertrauten Diener, ihm zu folgen und ihm nahe zu bleiben, wohin er ginge. Ihn verdross das steife Volk der Edelleute und ihr höfisches Geschwätze. Er steckte ein Jagdmesser in den Gürtel, als handlichste Waffe für jede Not, und verliess den Palast. Der Schlosshof und die Allee und alle Anlagen bis zur Stadt waren von farbigen Laternen erleuchtet, und das trunkene Volk lärmte feiertäglich durch die Wege. Trinkbuden und Tanzplätze waren übervoll, und erhitzte Tänzer und Trinker lachten, jodelten und stritten miteinander. Der Prinz begab sich mitten in das Gedränge und hatte bald an jedem Arm ein lachendes Mädchen hängen. Er tanzte und trank und stand den Scherzworten der Zuschauenden und den Flüchen der Eifersüchtigen lachend Rede. Die Weiber wurden von den kecken Manieren und feinen Reden des Unbekannten gelockt, und seine Lippen brannten bald von vielen Küssen. Da waren Helle, Dunkle, Schlanke, Breite, Verschämte und Schamlose. Das Auge des Prinzen fand Gefallen am Gewühl der Tausende, sein verwöhntes Herz ward von dem raschen Takt der rohen Musik und vom Anblick des masslosen Pöbels erregt und schlug in volleren Wellen.

Indessen lauschte die Gesellschaft des Königs auf die leichten, zarten Weisen einer auserlesenen Musik und genoss die Lust des galanten maskierten Spiels. Es wurde wenig getanzt. Die meisten sassen auf niedern Polstersitzen oder standen und spazierten in kleineren Gesellschaften umher. Die Königin bewegte sich lebhaft und gesprächig zwischen den Gruppen. Man erkannte die Blasse, Schweigsame nicht mehr. Sie erinnerte sich der Feste ihrer Heimat, ihrer Pracht und Freiheit, und nippte häufig ohne Scheu am Weinkelch. Das leichte Fieber der Festfreude entflammte ihren sehnsüchtigen Sinn und stachelte ihr unbefriedigtes Herz, und gab ihrer fremden Schönheit einen neuen, süssen Reiz. Sie versammelte einen Hofstaat junger Edelleute um sich her, welchen der verkleidete Sänger sich zugesellte. „Siehe da, ein Landsmann!“ rief sie ihm zu. „Mir ist, ich wär’ Euch schon am Posilippo begegnet.“ Der Sänger grüsste mit einem blitzenden Blicke. „Ich kannte Euch wohl!“ antwortete er. „Solche Blumen wachsen hierlands nicht. Ich grüsse Euch vom Golf, Herrin, als der Abgesandte Eurer Heimat.“

„Meinen Dank, Landsmann! Wem aber habt Ihr Euern Schatz zu hüten gegeben, da Ihr so weite Reisen wagtet?“

„Ich habe keinen. Mein Auge ging müssig, seit mein Stern mich verliess, und ich reiste, ihn zu suchen. Mich freut, ihn so glänzend zu finden.“

„Ich sehe wohl, Guter, man versteht in Neapel noch wie vordem zu schmeicheln.“

„Schmeicheln, Herrin? Wir sind nur gewohnt, der Wahrheit weniger rauhe Gewänder anzulegen, als in Nordland Sitte ist.“

Die Königin reichte dem Höflichen einen vollen Becher. „Dies nehmt als Willkomm! Er wuchs am Vesuv.“ Damen mischten sich unter den Kreis der Königin, so dass dieser sich bald in plaudernde Paare und Doppelpaare teilte. Der Sänger aber blieb der Königin nahe und umgab ihre Sinne mit dem Netz seines flüssigen, süssen Geplauders. Er sah ihren roten Mund in häufigem Lachen glänzend, und sah ihre schneeweissen Zähne, und das sacht gerundete, reine Kinn, und glänzende Augen hinter der seidenen Larve. Zuweilen sah er hinter ihr den allein umherwandelnden Kronprinzen einen Augenblick stille stehen mit widerlichem, horchendem Kopfdrehen. Dieser erkannte den Sänger nicht und wunderte sich über die verwandelte Laune der Stiefmutter. Einmal, da sein Schatten ihr wieder über die Schulter hereinfiel, wandte sie sich rasch und unmutig zu dem Sänger. „Sagt mir doch, Landsmann, was sucht der Mönch unter den Fröhlichen?“

Der Neapolitaner schaute in das harte Gesicht des Lauschers und antwortete spöttisch: „Ihr seht ja, er ist am unrechten Ort und kann die Thüre nicht finden. Also ein Hansnarr wider Willen.“ Der Mönch ging bitter lächelnd weg, gegen den Tisch des Königs, welcher mit mehreren Alten sich abseits reichlichen Weines erfreute und des Gesprächs über die beendigten Jagden.