In einem Augenblicke, da die Spielleute ruhten, wurden auf einen Ruf des Königs die Vorhänge von allen Fenstern gezogen. Jedermann erhob sich und blickte ins Freie. Da standen die unendlichen Reihen der Baumwipfel im Schimmer der bunten Lampen, das verworrene Jauchzen des Volkes schwoll her, vom Winde in schwankende Wellen gebrochen, und verschlungene Flammen eines grossen Feuerwerks fieberten lohhell am matten, dunklen Himmel auf. Ein dünner Schleier von Dunst und Rauch hing ruhig über den hohen Bäumen, vom Feuerwerk mit breiten Flüssen roten und gelben Lichtes getränkt.
Zur selben Zeit kehrte leise der Prinz in den Saal zurück, mit verträumten Augen und schweren, lächelnden Lippen. Der Kronprinz erkannte ihn bald. Er ahnte seine verborgenen Lustbarkeiten und mass ihn mit hässlichem Hohn. Denn er hasste den weichlichen und verschwenderischen Bruder im Grunde seines herben Herzens. Eine Weile später, als der ernüchterte Prinz die Königin unter den Masken suchte, fand er sie nicht. Er fragte den zechenden Vater. Der hob kaum das verschleierte Auge vom Becher. „Such’, junger Herr“, sagte er mit rauhem Lachen. „Ihr Jungen seid da, nach den Weibern zu sehen.“
Die Königin lauschte indess in einem entfernten Zimmer auf die unermüdeten Scherzreden des Sängers, und auf seine italienischen Lieder. Ihr brannte die Stirn vom starken Wein der Fröhlichkeit, und ihr Herz schlug berauscht in heftigen Schlägen. Sie sass tief in einem Ruhesessel und blickte mit entrückten Augen auf die zusammengepressten Spitzen ihrer zarten Finger. Der Sänger sass auf einem höheren Stuhl ihr nahe, bewegte die Finger über den Saiten einer Guitarre und sang welsche Romanzen und plauderte, und mischte den Ernst der brennenden Leidenschaft in sein buntes Geschwätz. Das Spiel der Worte rann ohne Hindernis über die Lippen des Liederfertigen, und ihn machte das schwindelnde Wandeln auf der Grenze des Scherzes trunken. Er verfolgte die Spur seiner Reden auf ihrem erregten Gesicht und im Zucken ihrer spielenden Finger. Seine Worte legten unvermerkt die Flitterkleider des Maskenscherzes ab, sie gewannen doppelte Bedeutung, sie begannen ihre verborgene Kraft und Wärme hervorzukehren, und nur die gefährlichsten Verräter kleidete noch der hüllende Flor der galanten Komödie.
Die Königin hörte auf mit den Fingern zu spielen; sie schloss fein geäderte Lider über den heissen Augen und wiegte sich in ihrer Wärme und im halben Wissen von der Gefahr. Ihr Traum vieler sehnsüchtig durchwachter Nächte zog lebendig in lodernden Farben durch ihr Gemüt und alles, was ihr einsames Herz jemals Prächtiges und Wunderbares über die Liebe ersonnen hatte. Der Liedermeister senkte seine Stimme zu einem warmen Flüstern, er bog sich näher zu der Schauernden, er spann ihren Sinn dicht in den Schleier geflüsterter Schmeichelreden und verschwiegener Wünsche. Beiden blieb ein blasses, grausam verzogenes Antlitz verborgen, das einen Augenblick durch die sacht geöffnete Thüre spähte, und blass und grausam wieder verschwand.
Der Kronprinz stiess, in den Festsaal zurückkehrend, auf den Prinzen, welcher seine Mutter suchte. — „Die Königin erwartet dich. Dort, im blauen Zimmer. Aber schone sie; sie ist müde.“ Der Kronprinz trat wieder in den Saal. Aus der vor ihm geöffneten Flügelthüre brauste ein Strom von Musik und Gelächter dem Prinzen nach, welcher auf die Schwelle des Zimmers trat, in dem er die Mutter erwartete.
Dem Eintretenden klang der Laut erstickter Seufzer und Liebesreden entgegen, und erwiederter Küsse. Drei zu Tod erschrockene Menschen schrieen in diesem Augenblicke weh und gellend auf. Die kalte Hand des Grausens trennte mit einer Berührung drei nahe Befreundete. Der blasse Prinz riss zitternd den falschen Bart aus dem Gesicht des erstarrten Liebenden und schrak vor dem erkannten Freund in zuckendem Schmerz zurück. Noch einen Augenblick standen sich die Männer mit stieren Augen schweigend gegenüber, und leerten den Kelch der bittersten Bitternis bis auf die Neige.
Dann gewann der Prinz die Herrschaft über seine Sinne wieder. „Hol’ eine Waffe, Bettelbube!“ rief er dem Freunde zu. Seine Stimme war schrill, brechend und ohne Nachhall, wie der Ton eines springenden Trinkglases. Das Herz wendete sich in seinem Leibe um und wurde voll Galle. Die beiden Menschen, auf welche er Jahre lang alles Gute und Zärtliche seines Herzens gehäuft hatte, standen vor ihm wie Tempelräuber. Der Sänger rannte nach einem Schwerte. Der Prinz riss eines von der Wand des Ganges. Die Kämpfer klirrten wild und rasend aufeinander. Kaum dass der unsinnige Kampf begonnen hatte, fiel der Prinz mit blutendem Halse nieder. Dem Sänger rann ein roter Streif von der zerhauenen Wange. Er sah den Freund am Boden sich verblutend winden und sah über ihn die todblasse Königin gebückt. Sein Blick verwirrte sich und seine Gedanken wurden uneins, flackernd und blutig. Er ging mit dem roten Schwert in der Hand nach dem Saal, von scheuen Lakaien geflohen und angekündigt. Er trat in die Flügelthür und stiess die Schwertspitze vor sich in den Boden, mit einem lauten, wahnsinnigen Gelächter.
Im Saal entstand eine enge Stille. Dem König rann der vergossene Wein über’s ganze Gewand. Dann ward ein Lärm und eine Verwirrung ohne gleichen. Keiner rührte an den bluttriefenden Schwertträger. Verstörte Pagen, weinende und ohnmächtige Weiber, ratlose Männer, entsetzte Greise drängten sich zwischen umgestürzten Sesseln und Geräten. Krüge und Flaschen wurden umgestossen, über zerrissene Tafeltücher floss in geruhigen Bächen der edle Wein. Die Musik spielte noch eine kleine Weile fort und brach dann jäh erschrocken mitten im Liede ab. Der Kronprinz trat dem Sänger zuerst entgegen. „Was ist’s, Liedler?“
„Deinen Blonden hab’ ich erschlagen. Er liegt und mein Schatz kann ihn nimmer wecken.“ Die Diener hatten indess Waffen herbeigetragen und zahlreiche Edle stürzten gegen die Thüre. Der Kronprinz aber drängte sie zurück. „Haltet Ruhe, ihr Herren! Eilet lieber, nach dem Prinzen zu sehen.“
Der Erschlagene und die über ihn gebückte Königin wurden von einem grossen Gedränge umringt. Im Saal blieb allein der König zurück, dessen Verstand vom genossenen Wein verdunkelt war. Zu ihm trat der entstellte Sänger, sein Liebling, und trank aus seinem Becher. Der Kronprinz stand in der Thüre und betrachtete mit grausamer Neugier den Trunkenen und den Wahnsinnigen, welche in dem verlassenen Prunksaal, aus Einem Becher trinkend, sonderbar und traurig anzusehen waren, wie ein fabelhaftes Fratzenbild eines seelenkranken Malers.