Damit war ich abgezogen und hatte nicht gewußt, was mit dem Bescheid anfangen, der keiner war. Mir hatte es geschienen, man müsse einer Arbeit ohne weiteres ansehen, ob sie aus Spielerei und zum Zeitvertreib oder ob sie aus Bedürfnis und aus dem Herzen entstanden sei. Ich legte die Noten weg und nahm mir vor, das alles einstweilen zu vergessen, um in diesen letzten Lernmonaten recht fleißig zu sein.

Da war ich einmal von einer Familie eingeladen, wo viel Musik getrieben wurde und wo ich, als bei Bekannten meiner Eltern, ein- oder zweimal im Jahr meinen Besuch zu machen pflegte. Es war ein Gesellschaftsabend wie alle, nur daß ein paar Berühmtheiten von der Oper dabei waren, die ich vom Sehen alle kannte. Auch der Sänger Muoth war da, der mich von allen am meisten interessierte, und ich sah ihn zum erstenmal so nahe. Er war groß und schön, ein imponierender dunkler Mann mit sichern und vielleicht schon etwas verwöhnten Manieren, man sah ihm an, daß er den Frauen gefiel. Doch sah er, von den Gebärden abgesehen, weder stolz noch vergnügt aus, sondern hatte in Blick und Mienen viel Suchendes und Unbefriedigtes. Als ich ihm vorgestellt wurde, grüßte er mit einem kurzen steifen Kompliment, ohne mit mir zu sprechen. Nach einer Weile kam er aber plötzlich zu mir her und sagte: »Heißen Sie nicht Kuhn? – Dann kenne ich Sie schon ein wenig. Der Professor S. hat mir Ihre Arbeiten gezeigt. Sie dürfen es ihm nicht übel nehmen, er ist nicht indiskret. Aber ich kam gerade dazu, und weil ein Lied dabei war, sah ich mirs mit seiner Erlaubnis an.«

Ich war erstaunt und verlegen. »Warum sprechen Sie davon?« fragte ich. »Es hat dem Professor nicht gefallen, glaube ich.«

»Tut Ihnen das weh? Nun, mir hat das Lied sehr gefallen; ich könnte es singen, wenn ich nur die Begleitung hätte. Die möchte ich mir von Ihnen erbitten.«

»Es hat Ihnen gefallen? Ja, kann man es denn singen?«

»Das kann man schon, freilich nicht in jedem Konzert. Ich möchte es aber gern für mich haben, für den Hausbrauch.«

»Ich will es Ihnen abschreiben. Aber warum wollen Sie es haben?«

»Weil es mich interessiert. Es ist ja wirklich Musik, das Lied, das wissen Sie doch selber!«

Er sah mich an und mich plagte seine Art, Leute anzusehen. Er blickte mir ganz gerade ins Gesicht, völlig unbekümmert studierend, und seine Augen waren voll Neugierde.

»Sie sind jünger als ich gedacht hätte. Sie müssen doch schon viel Schmerz erfahren haben.«