»Ja,« sagte ich, »aber ich kann nicht davon sprechen.«
»Das sollen Sie auch nicht, ich will Sie doch nicht ausfragen.«
Sein Blick verwirrte mich, auch war er eine Art von Berühmtheit und ich noch ein Schüler, so daß ich mich nur schwach und schüchtern zur Wehr setzen konnte, obgleich mir seine Art zu fragen gar nicht gefiel. Hochmütig war er nicht, aber irgendwie verletzte er mir das Schamgefühl, ohne daß ich mehr als leise abwehren konnte, denn es kam doch auch kein rechter Widerwille in mir auf. Ich hatte das Gefühl, er sei unglücklich und habe eine ungewollt gewaltsame Art die Menschen anzufassen, als wolle er ihnen etwas entreißen, was ihn trösten könne. Sein dunkel forschendes Auge war so frech wie traurig, und sein Gesicht viel älter als er sein konnte.
Bald darauf, während mir seine Anrede noch die Gedanken beschäftigte, sah ich ihn höflich und lustig mit einer Tochter des Hauses plaudern, die ihm entzückt zuhörte und ihn wie ein Meerwunder anschaute.
Ich lebte seit meinem Ungeschick so einsam, daß diese Begegnung mir noch tagelang nachklang und mich störte. Ich war meiner selbst nicht sicher genug, um den überlegenen Mann nicht zu fürchten, und doch zu einsam und bedürftig, um nicht von seiner Annäherung geschmeichelt zu sein. Schließlich dachte ich, er habe mich und seine Laune von jenem Abend vergessen. Da erschien er zu meiner Verwirrung in meiner Wohnung.
Das war an einem Dezemberabend, schon bei voller Dunkelheit. Der Sänger klopfte an und trat herein, als sei nichts Merkwürdiges an seinem Besuch, und sprang sogleich, ohne alle Einleitungen und Höflichkeiten, mitten in das Gespräch. Ich mußte ihm das Lied geben, und da er mein Mietklavier im Zimmer sah, wollte er es sogleich singen. Ich mußte hinsitzen und begleiten, und so hörte ich zum erstenmal mein Lied richtig gesungen. Es war traurig und ergriff mich wider meinen Willen, denn er sang es nicht sängermäßig, sondern leise und wie für sich allein. Der Text, den ich im vorigen Jahr in einer Zeitschrift gelesen und mir abgeschrieben hatte, hieß so:
Daß bei jedem Föhn
Vom Berg die Lawine rollt
Mit Sausen und Todesgetön,
Hat das Gott gewollt?