Indessen sammelten sich alle im Musikzimmer, Muoth stellte ein Notenpult auf, man setzte sich, und bald war ich mit Kranzl mitten in der Musik. Ich spielte, ohne es zu fühlen, es kam mir miserabel vor, und nur wie jagendes Wetterleuchten überflog mich zwischenein je und je für Sekunden das Bewußtsein, daß ich hier mit Kranzl spiele, und daß das der zag erwartete große Abend sei, und daß da eine kleine Gesellschaft von Kennern und verwöhnten Musikern sitze, denen wir meine Sonate vorspielten. Erst während des Rondo begann ich zu hören, daß Kranzl herrlich spielte, doch war ich immer noch so befangen und außerhalb der Musik, daß ich ununterbrochen an anderes dachte und mir plötzlich einfiel, daß ich Muoth noch gar nicht zum Geburtstag gratuliert habe.

Nun war die Sonate ausgespielt, die schöne Dame erhob sich, gab mir und Kranzl die Hand und öffnete die Tür zu einem kleineren Zimmer, wo uns ein gedeckter Tisch mit Blumen und Weinflaschen erwartete.

»Endlich!« rief einer von den Herren, »ich bin schier verhungert.«

Die Dame meinte: »Sie sind doch ein Scheusal. Was soll der Komponist denken?«

»Welcher Komponist, ist er denn da?«

Sie zeigte auf mich. »Da sitzt er.«

Er sah mich an und lachte. »Das hättet ihr mir auch vorher sagen können. Übrigens, die Musik war recht schön. Nur, wenn man Hunger hat –.«

Wir begannen zu essen, und kaum war die Suppe weg und der weiße Wein eingeschenkt, da tat Kranzl einen Trinkspruch auf den Hausherrn und dessen Geburtstag. Muoth erhob sich gleich nach dem Anstoßen: »Lieber Kranzl, wenn du gedacht hast, ich würde jetzt eine Rede auf dich halten, hast du dich getäuscht. Wir wollen überhaupt keine Reden mehr halten, ich bitte drum. Die einzige, die vielleicht nötig ist, nehme ich hiermit auf mich. Ich danke unserem jungen Freund für seine Sonate, die ich famos finde. Vielleicht wird unser Kranzl einmal froh sein, wenn er Sachen von ihm zu spielen kriegt, was er übrigens nur tun soll, denn er hat die Sonate wirklich kapiert. Ich trinke auf den Komponisten und auf gute Freundschaft mit ihm.«

Man stieß an, lachte, zog mich ein wenig auf, und bald kam eine von gutem Wein erhöhte Tafelfröhlichkeit zustande, der ich mich erlöst hingab. Ich war lange nimmer auf diese Weise vergnügt und entlastet gewesen, eigentlich seit einem Jahre nicht mehr. Jetzt tat mir Gelächter und Wein, Gläsergeläut, Stimmenwirrnis und der Anblick einer schönen fröhlichen Frau verschüttete Tore zur Freude auf und ich glitt weich hinüber in die losgebundene Heiterkeit leichter und lebhafter Gespräche und lachender Mienen.

Früh stand man von der Tafel auf und kehrte ins Musikzimmer zurück, wo sich das Gelage mit Wein und Zigarren in alle Ecken verteilte. Ein stiller Herr, der wenig geredet hatte und dessen Namen ich nicht wußte, kam zu mir und sagte mir freundliche Worte über die Sonate, die ich ganz vergessen hatte. Dann zog mich die Schauspielerin ins Gespräch, und zu uns setzte sich Muoth. Wir tranken abermals auf gute Freundschaft, und plötzlich sagte er, funkelnd mit seinen düster lachenden Augen: »Ich weiß jetzt Ihre Geschichte.« Und zu der Schönen: »Er hat sich beim Rodeln die Knochen gebrochen, einem hübschen Mädel zulieb.« Und wieder zu mir: »Das ist schön. Im Augenblick, wo die Liebe am schönsten ist und noch keinen Fleck hat, kopfüber den Berg hinunter. Das ist schon ein gesundes Bein wert.« Lachend leerte er sein Glas und sah alsofort wieder dunkel und grübelnd aus, als er sagte: »Wie sind Sie zum Komponieren gekommen?«