Für mich war die Aussicht, meine Lieder von Muoth öffentlich gesungen zu sehen, ein Tor in die Zukunft, durch dessen Spalt ich lauter Herrlichkeiten sah. Eben deswegen wollte ich vorsichtig sein und weder Muoths Freundlichkeit mißbrauchen noch mich ihm allzusehr verpflichten. Es schien mir, er wolle mich gar zu gewaltsam an sich ziehen, blenden und vielleicht irgendwie vergewaltigen. Darum ging ich kaum darauf ein.
»Ich will sehen,« sagte ich. »Sie sind sehr gütig mit mir, das sehe ich, aber ich kann nichts versprechen. Ich bin am Ende meiner Studien und muß jetzt an gute Zeugnisse denken. Ob ich einmal als Komponist auftreten kann, ist ungewiß, einstweilen bin ich Geiger und muß sehen, wie ich beizeiten zu einer Stellung komme.«
»Ach ja, das alles können Sie ja tun. Darum kann Ihnen doch einmal wieder ein solches Lied einfallen, das Sie mir dann geben, nicht?«
»Ja, das wohl. Ich weiß freilich nicht, warum Sie sich meiner so annehmen.«
»Haben Sie Angst vor mir? Mir gefällt einfach Ihre Musik, ich möchte Sachen von Ihnen singen und verspreche mir davon etwas, es ist reiner Eigennutz.«
»Wohl, aber warum reden Sie so mit mir, so wie gestern meine ich?«
»Ach, sind Sie noch beleidigt? Was habe ich denn eigentlich gesagt? Ich weiß es rein nimmer. Jedenfalls wollte ich Sie nicht schlecht behandeln, wie ich es scheints getan habe. Sie können sich ja wehren! Es redet und ist jeder, wie er ist und sein muß, und man muß einander gelten lassen.«
»Das meine ich auch, aber Sie tun das Gegenteil, Sie reizen mich und lassen nichts gelten, was ich sage. Sie ziehen das, woran ich selber ungern denke und was mein Geheimnis ist, hervor und werfen es mir hin, wie einen Vorwurf. Sie spotten sogar über mein steifes Bein!«
Heinrich Muoth sagte langsam: »Ja, ja, ja. Die Leute sind eben verschieden. Den einen macht es wild, wenn man Wahrheiten sagt, und der andere kann keine Phrasen vertragen. Sie hat es geärgert, daß ich Sie nicht wie einen Intendanten behandle, und mich hat es geärgert, daß Sie sich vor mir versteckten und mir die Sprüche über den Trost der Kunst anhängen wollten.«
»Das war gemeint wie ich es sagte; ich bin nur nicht gewohnt über diese Sachen zu reden. Und über das andere will ich eben nicht reden. Wie es in mir aussieht und ob ich traurig bin oder verzweifelt, und wie mein Bein mir vorkommt und meine Krüppelschaft, das will ich für mich behalten und mir von niemand herausdrohen und herausspotten lassen.«