Das tat ich auch, ich kam nach Hause und ins Bett, ich weiß nicht wie, und schlief sofort und schlief noch ein ungewohntes Stück in den Morgen hinein. Dann stand ich auf wie das Männlein aus der Schachtel, machte meine Turnübung, wusch mich und griff nach den Kleidern; und erst wie ich am Stuhl den Gehrock hängen sah und meinen Geigenkasten vermißte, fiel mir gestern wieder ein. Ich war indes ausgeschlafen und anderen Sinnes als in der Nacht, und konnte an die Gedanken der Nacht nicht anknüpfen; es blieb mir nur die Erinnerung an sonderbar kleine, nur nach innen wirksame Erlebnisse, und ein Erstaunen darüber, daß ich nun doch unverwandelt und derselbe wie immer dastand.
Ich wollte arbeiten, aber meine Geige war nicht da. So ging ich aus, anfangs noch unentschlossen, dann entschieden in der gestrigen Richtung, und kam an Muoths Wohnung. Schon vom Gartentor aus hörte ich ihn singen, der Hund fiel mich an und ward von der alten Frau, die schnell herauskam, mit Mühe zurückgeführt. Mich ließ sie eintreten, ich sagte ihr, ich wolle nur meine Geige holen und den Herrn nicht stören. Im Vorzimmer stand mein Geigenkasten und die Geige lag darin, auch die Noten waren dazugelegt. Das mußte Muoth getan haben, er hatte an mich gedacht. Nebenan sang er laut, ich hörte ihn weich wie auf Filzsohlen hin und wieder gehen, zuweilen Töne am Flügel anschlagend. Seine Stimme klang frisch und hell, beherrschter als ich sie oft auf der Bühne gehört hatte, er sang eine mir unbekannte Rolle, wiederholte häufig und ging rasch im Zimmer auf und ab.
Ich hatte meine Sachen an mich genommen und wollte gehen. Ich war ruhig und fühlte mich von der Erinnerung an gestern kaum berührt. Doch war ich neugierig, ihn zu sehen, ob auch er sich verändert habe, und trat näher, und ohne es ganz zu wollen, hatte ich auf einmal den Türgriff in der Hand, und hatte darauf gedrückt, und stand in der offenen Türe.
Muoth drehte sich im Singen um. Er war im Hemde, in einem sehr langen weißen feinen Hemd, und sah frisch aus, als habe er eben gebadet. Ich erschrak nun, zu spät, daß ich ihn so überrascht habe. Er schien jedoch weder verwundert, daß ich ohne Klopfen eingetreten war, noch schien er zu wissen, daß er keine Kleider anhatte. Als wäre alles wie es sein müsse, bot er mir die Hand und fragte: »Haben Sie schon gefrühstückt?« Dann, da ich ja gesagt hatte, nahm er am Flügel Platz.
»Die Rolle soll ich singen! Da hören Sie die Arie! Das ist ein Gemüse! Wird in der königlichen Hofoper aufgeführt, mit Büttner und der Duelli! Aber das interessiert Sie nicht, und mich eigentlich auch nicht. Wie geht's denn? Haben Sie ausgeruht? Sie haben kaput ausgesehen, als Sie gestern gingen. Und bös waren Sie mir auch. Nun ja. Wir wollen die Dummheiten nicht gleich wieder anfangen.«
Und gleich darauf, ohne daß ich etwas dazwischen sagen konnte: »Wissen Sie, der Kranzl ist ein Langweiler. Er will Ihre Sonate nicht spielen.«
»Er hat sie doch gestern gespielt.«
»Im Konzert, meine ich. Ich wollte sie ihm aufhängen, aber er mag nicht. Es wäre gut gewesen, wenn sie nächsten Winter in so eine Matinee gekommen wäre. Der Kranzl ist nicht so dumm, wissen Sie, aber faul. Er spielt immerzu diese polakischen Musiken von insky und owsky, was Neues lernt er nicht gern.«
»Ich glaube nicht,« fing ich nun an, »daß die Sonate in ein Konzert paßt, das habe ich mir auch nie eingebildet. Sie ist technisch noch gar nicht sauber.«
»Das ist doch Wurst! Ihr mit Eurem Künstlergewissen! Wir sind doch keine Schulmeister, und es werden ohne Zweifel schlechtere Sachen gespielt, gerade von Kranzl. Aber ich weiß was anderes. Das Lied müssen Sie mir geben, und machen Sie doch bald noch mehr! Ich gehe im Frühjahr hier weg, ich habe gekündigt, und mache lange Ferien. In der Zeit möchte ich ein paar Konzerte geben, aber was Neues, nicht mit Schubert und Wolf und Löwe und dem, was man alle Abend hört, sondern neue und unbekannte Sachen, ein paar wenigstens, solche wie das Lawinenlied. Was meinen Sie?«