Mein Zorn von vorher kehrte mir im Reden wieder, ich war gewillt den Mann zu beschimpfen und herabzuziehen, der mir weh getan hatte und den ich leider beneidete. Auch war meine Achtung vor der Dame gesunken, da sie ihn in Schutz nahm und sich offen vor mir zu ihm bekannte. War es nicht schon schlimm, daß sie es auf sich genommen hatte, bei diesem weinfrohen Junggesellenabend die einzige Frau zu sein? In diesen Dingen war ich wenig Freiheit gewöhnt, und da ich mich schämte, nach dieser schönen Frau trotzdem Sehnsucht zu haben, fing ich in meiner Hitze lieber Streit an als daß ich länger ihr Mitleid spürte. Mochte sie mich roh finden und mir davonlaufen, es war mir besser als daß sie bei mir blieb und freundlich war.

Sie legte mir aber die Hand auf den Arm. »Halt,« rief sie warm, daß ihre Stimme mir trotz allem ins Herz ging, »reden Sie nicht weiter! Was tun Sie denn? Sie sind durch zwei Worte von Muoth verletzt, weil Sie nicht geschickt oder mutig genug waren sie zu parieren, und jetzt, wo Sie fort sind, fallen Sie vor mir mit häßlichen Worten über ihn her! Ich sollte gehen und Sie allein lassen.«

»Bitte. Ich habe nur gesagt, was ich meine.«

»Lügen Sie doch nicht! Sie sind seiner Einladung gefolgt, Sie haben bei ihm musiziert, Sie haben gesehen wie er Ihre Musik liebt, und haben sich darüber gefreut und daran aufgerichtet, und jetzt, wo Sie ärgerlich sind und ein Wort von ihm nicht ertragen können, fangen Sie zu schimpfen an. Das dürfen Sie nicht, und ich will es dem Wein zu gut halten.«

Mir schien, sie merkte plötzlich wie es mit mir stand und daß nicht der Wein mich plagte; sie änderte ihren Ton, ohne daß ich den mindesten Versuch einer Rechtfertigung gemacht hatte. Ich war wehrlos.

»Sie kennen Muoth noch nicht,« fuhr sie fort. »Haben Sie ihn denn nicht singen hören? So ist er, gewalttätig und grausam, aber am meisten gegen sich selber. Er ist ein armer, stürmender Mensch, der lauter Kräfte und keine Ziele hat. In jedem Augenblick möchte er die ganze Welt austrinken und was er hat und was er tut, ist immer nur ein Tropfen. Er trinkt und ist nie betrunken, er hat Frauen und ist nie glücklich, er singt so herrlich und will doch kein Künstler sein. Er hat jemand lieb und tut ihm weh, er stellt sich als verachte er alle Zufriedenen, aber es ist Haß gegen ihn selber, weil er nicht zufrieden sein kann. So ist er. Und Ihnen hat er Freundlichkeit gezeigt, so gut er es eben kann.«

Ich schwieg hartnäckig.

»Sie brauchen ihn vielleicht nicht,« fing sie nochmals an, »Sie haben andere Freunde. Aber wenn wir jemand sehen, der leidet und im Leiden ungebärdig ist, so sollen wir ihn schonen und ihm etwas zu gut halten.«

Ja, dachte ich, das sollte man, und allmählich, wie das Gehen in der Nacht mich kühlte, lag zwar die eigene Wunde noch offen und rief nach Hilfe, aber mehr und mehr mußte ich den Worten der Marion und meinen Dummheiten von heut abend nachdenken, mich als einen traurigen Hund erkennen und in der Stille Abbitte tun. Es ergriff mich, da der Weinmut verflogen war, eine unangenehme Rührung, mit der ich abwehrend kämpfte, ohne mehr viel zu der schönen Frau zu sagen, die nun selber erregt und ungewissen Herzens neben mir durch die halbdunkeln Straßen lief, wo da und dort in der toten, schwarzen Fläche plötzlich ein Laternenspiegel aus dem nassen Boden aufblickte. Ich dachte daran, daß ich meine Geige bei Muoth hatte liegen lassen; und zwischenein erwachte ich wieder zum Erstaunen und Schrecken über alles. Da war diesen Abend so vieles anders geworden. Dieser Heinrich Muoth, und der Violinist Kranzl, und wieder die herrliche Marion, die Königinnen spielte, die waren alle von ihren Sockeln herabgestiegen. An ihrem olympischen Tische saßen nicht Götter und Selige, sondern arme Menschen, der eine klein und komisch, der andere bedrückt und eitel, Muoth elend und fieberhaft in törichter Selbstquälerei, die hohe Frau klein und arm als Geliebte eines stürmenden Genießers ohne Heiterkeit, dabei still und gütig und des Leidens kundig. Ich selber schien mir verändert, war nicht mehr ein einfacher Mensch, sondern war allen verwandt, hatte an jedem brüderliche und an jedem feindliche Züge gesehen, konnte hier nicht lieben und dort nicht verabscheuen, sondern schämte mich meines wenigen Verstehens und spürte zum erstenmal in meiner leichten Jugend so deutlich, daß man durchs Leben und durch die Menschen nicht so einfach gehen könne, da mit Haß und da mit Liebe, da mit Verehrung und dort mit Verachtung, sondern daß alles durcheinander und beieinander wohne, kaum getrennt und in Augenblicken kaum unterscheidbar. Ich sah die Frau an, die an meiner Seite ging und nun auch ganz still geworden war, als fände sie im Herzen nun doch auch manches anders beschaffen, als sie es gemeint und gesagt hatte.

Am Ende kamen wir vor ihr Haus, sie streckte mir die Hand her, die ich leise nahm und küßte. »Schlafen Sie gut!« sagte sie freundlich, aber ohne Lächeln.