»Ist es wegen Heinrich Muoth?« fragte ich endlich.

Sie nickte. »Haben Sie etwas gewußt?«

»Ich weiß nichts, ich dachte es mir nur.«

Sie sah mir ins Gesicht, wie ein Kranker dem Arzt, schwieg und zog langsam die Handschuhe aus. Plötzlich stand sie auf, legte mir beide Hände auf die Schultern und starrte mich aus großen Augen an.

»Was soll ich tun? Er ist nie zu Haus, er schreibt mir nimmer, er macht nicht einmal meine Briefe auf! Seit drei Wochen hab ich ihn nimmer sprechen können. Gestern war ich dort, ich weiß, daß er daheim war, aber er hat nicht aufgemacht. Nicht einmal dem Hund hat er gepfiffen, er hat mir das Kleid zerrissen, der will mich auch schon nimmer kennen.«

»Haben Sie denn Streit mit ihm gehabt?« fragte ich, um nicht gar so stumm dabei zu sitzen.

Sie lachte. »Streit? Ach, Streit haben wir genug gehabt, von Anfang an! An das war ich schon gewöhnt. Nein, in der letzten Zeit ist er sogar höflich gewesen, es wollte mir gleich nicht gefallen. Einmal war er nicht da, wenn er mich bestellt hatte; einmal meldete er sich an und kam nicht. Schließlich sagte er auf einmal Sie zu mir! Ach, wenn er mich lieber wieder geschlagen hätte!«

Ich erschrak heftig. »Geschlagen...?«

Wieder lachte sie. »Wissen Sie das nicht? O, er hat mich oft geschlagen, aber jetzt schon lang nicht mehr. Er ist höflich geworden, er hat Sie zu mir gesagt, und jetzt kennt er mich nimmer. Er hat eine andere, glaube ich. Darum bin ich gekommen. Sagen Sie mirs, ich bitte! Hat er eine andere? Sie wissen es! Sie müssen es wissen!«

Ehe ich abwehren konnte, hatte sie meine beiden Hände gefaßt. Ich war wie erstarrt, und so sehr ich abzulehnen und die ganze Szene zu kürzen wünschte, war ich doch fast froh, daß sie mich gar nicht zu Worte kommen ließ, denn ich hätte nicht gewußt, was sagen.