Ich war viel mit dem Geiger Teiser zusammen, er hatte mich gern und lobte meine Arbeiten in kameradschaftlicher Freude, prophezeite mir große Erfolge und war immer bereit, mit mir zu musizieren. Dennoch fehlte mir etwas. Es zog mich zu Muoth, doch mied ich ihn immer noch. Von Lotte hörte ich nichts mehr. Warum war ich nicht zufrieden? Ich schalt mich selber, daß ich bei dem treuen, prächtigen Teiser nicht mein Genügen fand. Aber auch bei ihm fehlte mir etwas. Er war mir zu heiter, zu sonnig, zu sehr zufrieden, er schien keine Abgründe zu kennen. Auf Muoth war er nicht gut zu sprechen. Manchmal im Theater, wenn Muoth sang, sah er mich an und flüsterte: »Da, wie der wieder pfuscht! Das ist schon ein ganz Verwöhnter! Mozart singt er keinen, er weiß warum.« Ich mußte ihm recht geben, und tat es doch nicht mit dem Herzen, ich hing an Muoth, und mochte ihn doch nicht verteidigen. Muoth hatte etwas, was Teiser nicht hatte und nicht kannte und was mich mit ihm verband. Das war das ewige Begehren, die Sehnsucht und Ungenüge. Die trieben mich zu Studium und Arbeit, die ließen mich nach Menschen greifen, die mir entglitten, gerade wie Muoth, den dieselbe Ungenüge auf andere Weise stachelte und peinigte. Musik würde ich immer machen, das wußte ich, aber mich verlangte danach, auch einmal aus Glück und Überfluß und ungebrochener Freude zu schaffen, statt immer aus Sehnsucht und Mangel des Herzens. Ach, warum wurde ich nicht durch das glücklich, was ich zu eigen hatte, durch meine Musik? Und warum wurde Muoth es nicht durch das, was er besaß, durch seine wilde Lebenskraft und seine Frauen?
Teiser war glücklich, ihn quälte kein Verlangen nach Unerreichbarem. Er hatte seine zarte, selbstlose Freude an der Kunst, von der er nicht mehr verlangte, als sie ihm gab, und außerhalb der Kunst war er noch genügsamer, da brauchte er nur ein paar freundliche Menschen, gelegentlich ein gutes Glas Wein und an freien Tagen einen Ausflug in die Landschaft, denn er war ein Wanderer und Luftfreund. Wenn an der Lehre der Theosophen etwas war, dann mußte dieser Mann schon nahezu ein Vollendeter sein, so gut war sein Wesen und so wenig ließ er Leidenschaft und Unzufriedenheit in sein Herz kommen. Dennoch wünschte ich, wenn ich es auch vielleicht mir vorsagte, nicht zu sein wie er. Ich wollte kein andrer sein, ich wollte in meiner Haut bleiben, die mir doch oft zu eng war. Ich begann Macht in mir zu spüren, seit meine Arbeiten leise zu wirken anfingen, und ich war schon im Begriff, stolz zu werden. Irgendeine Brücke zu den Menschen mußte ich finden, ich mußte auf irgendeine Weise mit ihnen leben können, ohne stets der Unterliegende zu sein. Gab es nun keinen andern Weg, so führte vielleicht doch meine Musik dahin. Wenn sie mich nicht lieben wollten, so würden sie mein Werk lieben müssen.
Solche törichte Gedanken ward ich nicht los. Und doch war ich bereit, mich hinzugeben und zum Opfer zu bringen, wenn nur jemand mich wollte, wenn nur jemand mich wirklich verstünde. War nicht Musik das geheime Gesetz der Welt, gingen nicht die Erden und Sterne harmonisch im Reigen? Und ich sollte allein bleiben und die Menschen nicht finden, deren Wesen mit meinem rein und schön zusammenklang?
Ein Jahr war mir in der fremden Stadt vergangen. Außer mit Muoth, Teiser und unserm Kapellmeister Rößler hatte ich zu Anfang sehr wenig Umgang gehabt, in letzter Zeit aber war ich in eine größere Geselligkeit hineingeraten, die mir nicht lieb und nicht leid war. Durch die Aufführung meiner Stücke für Kammermusik war ich mit den Musikern der Stadt auch außerhalb des Theaters bekanntgeworden, ich trug jetzt die leichte, angenehme Bürde eines sachte ansetzenden Ruhmes im kleinen Kreise, ich merkte, daß man mich kannte und beobachtete. Von allem Ruhm ist das der süßeste, der noch nicht auf große Erfolge blickt, noch keinen Neid erregen kann, noch nicht absondert. Man geht umher mit dem Gefühl, da und dort betrachtet, genannt, gelobt zu werden, man begegnet freundlichen Gesichtern, sieht Anerkannte wohlwollend nicken und Jüngere mit Achtung grüßen, und immer trägt man das heimliche Gefühl, daß das Beste noch komme, wie es ja aller Jugend geht, bis sie sieht, das Beste liegt schon dahinten. Beeinträchtigt wurde mein Wohlgefühl am meisten dadurch, daß ich immer etwas Mitleid in der Anerkennung fühlte. Oft kam es mir sogar vor, man schone mich und sei so freundlich, weil ich eben ein armer Kerl und Krüppel sei, dem man gern etwas Tröstliches gönne.
Nach einem Konzert, in dem ein Geigenduo von mir gespielt worden war, machte ich die Bekanntschaft des reichen Fabrikanten Imthor, der für einen eifrigen Musikfreund und Gönner junger Talente galt. Es war ein ziemlich kleiner, ruhiger Mann mit grau werdenden Haaren, dem man weder seinen Reichtum noch sein inniges Verhältnis zur Kunst ansah. Aus dem, was er mir sagte, konnte ich aber wohl merken, wie viel er von Musik verstand; er lobte nicht in den Tag hinein, sondern gab einen ruhigen, sachverständigen Beifall, der mehr wert war. Er erzählte mir, was ich von andrer Seite längst wußte, daß in seinem Hause manchen Abend Musik gemacht werde, alte und neue. Er lud mich ein, und sagte zum Schluß: »Ihre Lieder liegen auch bei uns, wir haben sie gern. Auch meine Tochter wird sich freuen.«
Noch ehe ich dazu kam, ihm einen Besuch zu machen, erhielt ich eine Einladung. Herr Imthor bat um die Erlaubnis, mein Trio in Es-Dur in seinem Hause aufführen zu lassen. Ein Geiger und Cellist, tüchtige Dilettanten, stünden zur Verfügung, und die erste Geige sei mir vorbehalten, falls ich Lust hätte, mitzuspielen. Ich wußte, daß Imthor die Berufsmusiker, die bei ihm spielten, stets sehr gut honoriere. Das hätte ich ungern angenommen, und doch wußte ich nicht, wie die Einladung gemeint sei. Schließlich nahm ich doch an, die beiden Mitspieler fanden sich bei mir ein und holten ihre Stimmen, wir hatten einige Proben. Inzwischen machte ich meinen Besuch bei Imthor, traf aber niemand an. So kam der bestimmte Abend.
Imthor war Witwer, er wohnte in einem der alten, einfach stattlichen Bürgerhäuser, einem der wenigen, die noch mitten in der großgewordenen Stadt ihre alten Gärten unverkürzt um sich hatten. Vom Garten sah ich wenig, als ich abends kam, nur eine kurze Allee von hohen Platanen, deren Stämme im Laternenlicht die hellen Flecken zeigten, und dazwischen ein paar alte, dunkelgewordene Steinbilder. Hinter den großen Bäumen lag bescheiden das alte, breit und nieder gebaute Haus, in dem von der Eingangstür weg durch die Korridore, Treppen und alle Räume hindurch die Wände dicht voll alter Bilder hingen, Mengen von Familienbildnissen und schwarzgewordenen Landschaften, altmodische Veduten und Tierstücke. Ich kam gleichzeitig mit andern Gästen an, wir wurden von einer Hausdame empfangen und eingeführt.
Die Gesellschaft war nicht gar groß, doch drängte sie sich in den mäßigen Räumen etwas eng, bis die Türen zum Musikraum geöffnet wurden. Hier war es weit und alles sah neu aus, der Flügel, die Notenschränke, die Lampen, die Stühle, nur die Bilder an den Wänden waren auch hier alle alt.
Meine Mitspieler waren schon da, wir stellten unsre Pulte auf, schauten nach den Lichtern und begannen zu stimmen. Da ging zuhinterst im Saal eine Türe und es kam durch den erst halb erleuchteten Raum eine hellgekleidete Dame geschritten. Die beiden Herren begrüßten sie mit Auszeichnung, ich sah, daß es die Tochter Imthors sei. Sie sah mich einen Augenblick fragend an, dann bot sie mir, ehe ich noch vorgestellt war, die Hand und sagte: »Ich kenne Sie schon, Sie sind Herr Kuhn? Willkommen!«
Das schöne Mädchen hatte mir gleich bei ihrem Eintritt Eindruck gemacht, nun klang ihre Stimme so hell und gut, daß ich die dargebotene Hand herzhaft drückte und dem Fräulein vergnügt in die Augen sah, die mich lieb und freundschaftlich begrüßten.