»Dann sollten Sie ihn eben laufen lassen, er verdient es nicht, daß Sie sich so weit demütigen.«

Da lächelte sie plötzlich.

»O, Sie! Was wissen Sie von der Liebe!«

Sie hat recht, dachte ich, aber es tat mir doch weh. Wenn schon die Liebe nicht zu mir kommen wollte, wenn ich schon nebendraußen stand, warum sollte ich den Vertrauten und Helfer machen bei anderen? Ich hatte Mitleid mit der Frau, aber ich verachtete sie noch mehr. Wenn das die Liebe war, Grausamkeit hier und Erniedrigung dort, dann ließ sich ohne Liebe besser leben.

»Ich will nicht streiten,« sagte ich kühl. »Ich verstehe diese Art von Liebe nicht.«

Lotte band ihren Schleier wieder um.

»Ja, ich gehe schon.«

Nun tat sie mir wieder leid, doch mochte ich die törichte Szene nicht von vorn anfangen lassen, darum schwieg ich und öffnete ihr die Tür, auf die sie zuschritt. Ich begleitete sie, an der neugierigen Wirtin vorbei, bis zur Treppe; da verbeugte ich mich, und sie ging, ohne mehr etwas zu sagen oder mich anzusehen.

Traurig sah ich ihr nach und ward den Anblick lange Zeit nicht los. War ich wirklich ein ganz anderer Mensch als diese alle, als Marion, als Lotte, als Muoth? War das wirklich die Liebe? Ich sah sie alle, diese Menschen der Leidenschaft, wie von Stürmen getrieben taumeln und ins Ungewisse wehen, den Mann von Verlangen heute, von Überdruß morgen gepeinigt, düster liebend und brutal abbrechend, keiner Neigung sicher und keiner Liebe froh, und die Frauen hingerissen, Beleidigung, Schläge tragend, endlich verstoßen und doch an ihm hängend, von Eifersucht und verschmähter Liebe entwürdigt, hundetreu. An jenem Tage geschah es seit sehr langer Zeit zum erstenmal, daß ich weinte. Ich weinte unwillige, zornige Tränen um diese Menschen, um meinen Freund Muoth, um das Leben und die Liebe, und stillere, heimliche Tränen um mich selber, der ich zwischen alle dem lebte, wie auf einem andern Sterne, der das Leben nicht begriff, der nach Liebe verschmachtete und sie doch fürchten mußte.

Zu Heinrich Muoth ging ich lange nicht mehr. Er feierte in jener Zeit Triumphe als Wagnersänger und begann für einen »Stern« zu gelten. Zugleich trat auch ich bescheidentlich an die Öffentlichkeit. Es erschienen meine Lieder im Druck und fanden freundliche Aufnahme, und zwei meiner Sachen für Kammermusik wurden in Konzerten aufgeführt. Es war noch eine stille, ermunternde Anerkennung unter Freunden, die Kritik hielt sich abwartend still oder ließ mich zunächst als einen Anfänger schonend gelten.