Ihr Hans H.«
Das fiel wie ein Funke in mein Pulver. Ich schrieb um den Text und war so ungeduldig, daß ich den Brief wieder zerriß und telegraphierte. Nach einer Woche kam das Manuskript, ein kleines glühendes Liebesspiel in Versen, noch mit Lücken, aber für mich einstweilen genug. Ich las und ging mit den Versen im Kopf umher, und sang sie und geigte sie bei Tag und Nacht, und bald lief ich zu Gertrud.
»Sie müssen mir helfen,« rief ich. »Ich mache eine Oper. Da sind drei Stücke, für Ihre Stimme gesetzt. Wollen Sie sie ansehen? Und mir dann einmal singen?«
Sie freute sich, ließ sich erzählen, blätterte in den Noten und versprach, sie bald zu lernen. Es kam eine glühende, übervolle Zeit; trunken von Liebe und Musik ging ich einher, zu nichts andrem tauglich, und Gertrud war die einzige, die mein Geheimnis wußte. Ich brachte ihr Noten, die sie lernte und mir sang, ich fragte sie, spielte ihr alles vor, und sie glühte mit mir, studierte und sang, riet und half, und hatte an dem Geheimnis und an dem entstehenden Werk, das uns beiden gehörte, ihre blühende Lust. Keine Andeutung, kein Vorschlag, den sie nicht sofort verstand und aufnahm, schließlich begann sie selber, mit ihrer feinen Schrift, mir beim Abschreiben und Umschreiben zu helfen. Im Theater hatte ich Krankenurlaub genommen.
Es kam zwischen Gertrud und mir keine Verlegenheit auf, wir trieben im selben Strom, arbeiteten am selben Werk, es war für sie wie für mich ein Aufblühen reifgewordener Jugendkräfte, ein Glück und Zauber, in dem meine Leidenschaft ungesehen mitbrannte. Sie unterschied nicht zwischen meinem Werk und mir, sie liebte uns und war unser, und auch für mich war Liebe und Arbeit, Musik und Leben nicht mehr zu trennen. Manchmal sah ich das schöne Mädchen erstaunt und bewundernd an, und sie erwiderte meinen Blick, und wenn ich kam oder ging, drückte sie mir die Hand wärmer und stärker als ich ihre zu drücken wagte. Und wenn ich in diesen lauen Frühlingstagen durch den Garten her kam und das alte Haus betrat, wußte ich nicht, war es mein Werk oder meine Liebe, was mich trieb und erhob.
Solche Zeiten dauern nicht lange. Es ging schon gegen das Ende und meine Flamme flackerte wieder ungeteilt in blinden Liebeswünschen, da saß ich an ihrem Flügel und sie sang den letzten Akt meiner Oper, deren Sopranrolle fertig war. Sie sang so wunderbar, und ich dachte dieser glühenden Tage, deren Glanz ich schon erblassen fühlte, während Gertrud noch auf ihrer Höhe schwebte, und ich fühlte unabwendbar andere und kühlere Tage kommen. Da lächelte sie mir zu und neigte sich zu mir herab, der Noten wegen, und bemerkte die Trauer in meinem Blick, und sah mich fragend an. Ich schwieg und stand auf und nahm ihr Gesicht vorsichtig in beide Hände, küßte ihre Stirn und ihren Mund und setzte mich wieder. Sie ließ alles still und fast feierlich geschehen, ohne Befremdung und Unwillen, und da sie Tränen in meinen Augen sah, strich sie mir mit ihrer leichten, lichten Hand beruhigend über Haar und Stirn und Schulter.
Dann spielte ich weiter, und sie sang, und der Kuß und diese merkwürdige Stunde blieb unbesprochen, doch unvergessen zwischen uns, als unser letztes Geheimnis.
Denn das andre konnte nicht lange mehr zwischen uns bleiben; die Oper brauchte nun andre Mitwisser und Helfer. Der erste mußte Muoth sein, denn an ihn hatte ich bei der Hauptrolle gedacht, deren Ungestüm und bittere Leidenschaft ganz seinem Gesang und ganz seinem Wesen verwandt waren. Nur zögerte ich noch eine kleine Zeit. Noch war mein Werk ein Bündnis zwischen mir und Gertrud, gehörte ihr und mir, schuf uns Sorge und Lust, war ein Garten, von dem niemand wußte, oder ein Schiff, auf dem wir beide allein das große Meer befuhren.
Sie fragte selbst danach, als sie fühlte und merkte, daß sie mir nimmer weiter helfen konnte.
»Wer singt die große Rolle?« fragte sie.