»Heinrich Muoth.«

Sie schien erstaunt. »O,« sagte sie, »ist das Ernst? Ich hab ihn nicht gern.«

»Er ist mein Freund, Fräulein Gertrud. Und die Rolle paßt für ihn.«

»Ja.«

Nun war schon ein Fremder dazwischen.

Indessen hatte ich nicht an Muoths Ferien und Reiselust gedacht. Er freute sich über meinen Opernplan und versprach alle Hilfe, war aber schon in Reiseplänen und konnte mir nur versprechen, bis zum Herbst seine Rolle durchzunehmen. Ich schrieb sie ihm ab, soweit sie schon fertig war. Er nahm sie mit und ließ nach seiner Gewohnheit in all den Monaten nichts von sich hören.

So war eine Frist für uns gewonnen. Zwischen Gertrud und mir bestand nun eine gute Kameradschaft. Ich glaube, sie wußte seit jener Stunde am Klavier genau, was in mir vorging, doch sagte sie nie ein Wort und war um nichts anders gegen mich. Sie liebte nicht nur meine Musik, sie hatte mich selber gern und fühlte wie ich, daß zwischen uns beiden ein natürlicher Einklang war, daß jeder von uns des andern Wesen gefühlsmäßig verstand und billigte. So ging sie neben mir in Eintracht und Freundschaft, doch ohne Leidenschaft. Zuzeiten genügte mir das und ich lebte stille, dankbare Tage in ihrer Nähe. Doch immer kam bald die Leidenschaft dazwischen, dann war mir jede ihrer Freundlichkeiten nur ein Almosen und ich empfand mit Qualen, daß die Stürme des Liebhabens und Begehrens, die mich erschütterten, ihr fremd und unlieb waren. Oft täuschte ich mich gewaltsam und suchte mir vorzureden, sie sei eben eine gleichmäßige und heiter stille Natur. Doch wußte mein Gefühl, daß das falsch sei, und kannte Gertrud genug, um zu wissen, daß auch ihr die Liebe Sturm und Gefahren bringen müsse. Oft habe ich darüber nachgedacht, und ich glaube, wenn ich sie damals bestürmt und bekriegt und mit allen Kräften an mich gezogen hätte, sie wäre mir gefolgt und für immer mit mir gegangen. So aber mißtraute ich ihrer Heiterkeit, und was sie mir von Zärtlichkeit und feiner Zuneigung zeigte, schob ich auf das fatale Mitleid. Ich konnte den Gedanken nicht los werden, daß sie mit einem andern, gesunden und äußerlich schönen Manne, wenn sie ihn so gern hatte wie mich, nicht so lange in dieser ruhigen Freundschaftlichkeit hätte verharren können. Da waren wieder die Stunden nicht selten, in denen ich meine Musik und alles, was in mir lebte, für ein gerades Bein und ein flottes Wesen hingegeben hätte.

Um jene Zeit kam Teiser mir wieder näher. Er war mir unentbehrlich für die Arbeit, und so war er der nächste, der mein Geheimnis erfuhr und Text und Plan meiner Oper kennen lernte. Bedächtig nahm er alles an sich, um es zu Hause zu studieren. Dann aber kam er, und sein blondbärtiges Kindergesicht war rot vor Vergnügen und Musikleidenschaft.

»Das wird was, Ihre Oper!« rief er erregt. »Die Ouvertüre dazu spür ich schon in den Fingern! Jetzt gehn wir und trinken einen guten Schoppen, Sie Manderl, und wenns nicht unbescheiden wär', würd' ich sagen, wir trinken Brüderschaft. Aber es soll nicht aufgenötigt sein.«