»Tröste dich!« sagte mein Vater lächelnd. »Du hast das Zeug zu einem recht guten Ehemann, das merken gescheite Frauen bald. Nur einer ganz armen darfst du nicht glauben, die könnte dein Geld meinen. Und wenn du die nicht findest, die du dir denkst und gern hättest, so ist auch noch nicht alles verloren. Die Liebe zwischen jungen Leuten und die in einer langen Ehe ist nicht dieselbe. In der Jugend denkt jedes an sich und sorgt für sich. Aber wenn einmal ein Hausstand da ist, gibt es anderes zu sorgen. Mir ist es auch so gegangen, du darfst es wohl wissen. Ich war in deine Mama sehr verliebt, und es war eine rechte Liebesheirat. Das dauerte aber nur ein Jahr oder zwei, dann hörte die Verliebtheit auf und war bald bis auf den letzten Rest verbraucht, und wir standen da und wußten nicht recht, was miteinander anfangen. Da kamen gerade die Kinder, deine beiden älteren Geschwister, die ja früh gestorben sind, und wir hatten für die zu sorgen. Darüber wurden unsere Ansprüche aneinander kleiner, die Fremdheit hörte wieder auf, und auf einmal war die Liebe wieder da, freilich nicht die alte, sondern eine ganz andere. Und die hat seither gehalten, ohne viel Flicken zu brauchen, mehr als dreißig Jahre. Es geht nicht allen Liebesheiraten so gut, sogar sehr wenigen.«
Mir war nun allerdings mit diesen Anschauungen nicht gedient, doch tat das neue, freundschaftliche Verhältnis zu meinem Vater mir wohl und machte mir die Heimat wieder lieb, die mir in den letzten Jahren beinahe gleichgültig geworden war. Als ich wieder abreiste, bereute ich den Besuch nicht und beschloß, künftig in besserer Verbindung mit den Alten zu bleiben.
Arbeit und Reisen zur Aufführung meiner Streichmusik hielten mich eine Weile vom Besuch des Imthorschen Hauses ab. Als ich wiederkam, fand ich Muoth, der früher nur in meiner Begleitung hingegangen war, dort unter den meistgeladenen Gästen. Der alte Imthor trat ihm noch immer kühl und leicht ablehnend gegenüber, Gertrud aber schien gut Freund mit ihm geworden zu sein. Mir war das lieb, ich wußte keinen Grund zur Eifersucht und war überzeugt, daß zwei so ungleiche Menschen wie Muoth und Gertrud wohl einander interessieren und anziehen, nicht aber befriedigen und lieben könnten. So sah ich es ohne Mißtrauen, wenn er mit ihr sang und sie beide ihre schönen Stimmen vermischten. Sie sahen gut aus, beide große, hohe, aufrechte Menschen, er dunkel und ernst, sie hell und heiter. Neuerdings kam es mir allerdings zuweilen vor, als habe ihre alte angeborene Heiterkeit einige Mühe, sich zu behaupten, und sei manchmal müde und verschattet. Sie sah mich nicht selten ernsthaft und prüfend an, mit einer Neugierde und einem Interesse, wie bedrückte und geängstigte Menschen einander ansehen; und wenn ich ihr dann zunickte und mit einem fröhlichen Blick antwortete, spannte sie die Züge so langsam und angestrengt zum Lächeln, daß es mir weh tat.
Doch machte ich solche Beobachtungen nur ganz selten, zu anderen Zeiten sah Gertrud so heiter und strahlend aus wie je, so daß ich jene Beobachtungen für Einbildungen hielt oder einem vorübergehenden Unwohlsein zuschrieb. Nur einmal war ich ernstlich erschrocken. Sie saß, während einer der Hausfreunde Beethoven spielte, im Halbdunkel zurückgelehnt und mußte glauben, ganz unbeobachtet zu sein. Vorher, beim hellen Licht zwischen den Gästen beim Empfang, war sie immer klar und heiter anzusehen gewesen. Nun aber, in sich zurückgezogen und offenbar von der Musik unberührt, ließ sie ihr Gesicht gehen und bekam einen Ausdruck von Müdigkeit, Angst und Scheu wie ein verhetztes, ratlos gewordenes Kind. Es dauerte mehrere Minuten, und als ich das sah, wollte mir das Herz stillstehen. Sie litt und hatte Kummer, schon das war schlimm, und daß sie auch vor mir die Fröhliche spielte und auch mir alles verbarg, machte mich ängstlich. Sobald das Spiel zu Ende war, suchte ich ihre Nähe, setzte mich zu ihr und fing ein harmloses Gespräch an. Ich sprach davon, daß es für sie ein unruhiger Winter sei, und daß auch ich dabei entbehre, doch sagte ich alles leichthin in scherzendem Tone. Schließlich erinnerte ich an die Zeit im Frühjahr, da wir die Anfänge meiner Oper miteinander gespielt und gesungen und besprochen hatten.
Da sagte sie: »Ja, das ist eine schöne Zeit gewesen.« Mehr nicht, aber es war doch ein Geständnis, denn sie sagte es mit ungewollter Ernsthaftigkeit. Ich aber las daraus Hoffnung für mich und war ihr im Herzen dankbar.
Gar gerne hätte ich ihr meine Frage vom Sommer wiederholt. Die Veränderung in ihrem Wesen, die Befangenheit und unsichere Scheu, die sie gerade vor mir zuweilen zeigte, glaubte ich doch bei aller Bescheidenheit als günstige Anzeichen für mich hinnehmen zu dürfen. Es war mir rührend zu sehen, wie ihr Mädchenstolz krank zu liegen und sich hart zu wehren schien. Doch wagte ich nichts zu sagen, sie tat mir leid in ihrer Unsicherheit, und mein stilles Versprechen glaubte ich auch halten zu müssen. Ich habe nie gewußt mit Frauen umzugehen; ich machte den umgekehrten Fehler wie Heinrich Muoth: ich ging mit Frauen um wie mit Freunden.
Da ich auf die Dauer meine Wahrnehmungen nicht für Täuschungen halten konnte und Gertruds veränderte Art doch nur halb verstand, hielt ich mich zurück, ließ meine Besuche etwas seltener werden und vermied intime Gespräche mit ihr. Ich wollte sie schonen und nicht noch scheuer machen und ängstigen, da sie doch zu leiden und in sich uneins zu sein schien. Sie merkte es, wie ich glaube, und sah meine Zurückhaltung nicht ungern. Ich hoffte, es werde mit dem Ende des Winters und der lebhaften Geselligkeit wieder eine stille, schöne Zeit für uns beide kommen, bis dahin wollte ich warten. Oft aber tat mir das schöne Mädchen bitter leid, und wider meinen Willen ward ich selber allmählich unruhig und fühlte etwas Schlimmes in der Luft.
Der Februar kam, ich wünschte sehnlich das Frühjahr her und litt unklar unter der Spannung dieses Zustandes. Auch Muoth ließ sich wenig bei mir sehen, allerdings hatte er einen angestrengten Winter an der Oper und war in der Wahl zwischen zwei ehrenvollen Berufungen an große Theater, die ihm neuestens zugekommen waren. Eine Geliebte schien er nicht mehr zu haben, wenigstens hatte ich seit seinem Bruch mit Lotte keine Frau mehr bei ihm gesehen. Kürzlich hatten wir seinen Geburtstag gefeiert, seither hatte ich ihn nicht gesehen.
Nun trieb mich ein Bedürfnis zu ihm, ich begann unter der Veränderung meiner Beziehungen zu Gertrud, unter Überarbeitung und Wintermüdigkeit zu leiden und suchte ihn auf, um wieder einmal zu plaudern. Er setzte mir einen Sherry vor und erzählte von der Bühne, war übrigens müde und zerstreut und merkwürdig milde. Ich hörte zu, schaute im Zimmer umher und wollte eben fragen, ob er wieder bei Imthors gewesen sei. Da sah ich, bei einem gleichgültigen Blick über den Tisch, ein Kuvert mit Gertruds Handschrift liegen. Noch ehe ich darüber nachdenken konnte, stieg schon Schrecken und Bitterkeit in mir auf. Es konnte ja eine Einladung, eine einfache Höflichkeit sein, doch glaubte ich daran nicht, so gern ich es getan hätte.
Es gelang mir, ruhig zu bleiben, und bald ging ich fort. Und wider meinen Willen wußte ich schon alles. Es konnte eine Einladung, eine Kleinigkeit, ein Zufall sein – ich wußte aber, daß es das nicht war. Ich sah auf einmal alles und begriff alles, was in der letzten Zeit gewesen und geschehen war. Wohl nahm ich mir vor, zu prüfen und zu warten, doch waren alle diese Gedanken nur Vorwände und Ausflüchte, im Grunde saß der Pfeil und schwärte im Blut, und als ich nach Hause kam und in meiner Stube saß, wich langsam die Betäubung einer furchtbaren Klarheit, die mich eisig durchfloß und mir zu fühlen gab, daß nun mein Leben zerstört und mein Glauben und Hoffen vernichtet war.