Mehrere Tage kam ich weder zu Tränen noch zu Schmerzen. Ohne zu denken, hatte ich beschlossen, nicht weiter zu leben. Vielmehr hatte der Lebenswille in mir sich niedergelegt und schien verschwunden. Ich bedachte das Sterben wie ein Geschäft, das unweigerlich getan werden muß und bei dem man sich nicht besinnt, ob es angenehm ist oder nicht.
Zu den Dingen, die ich zuvor besorgen mußte und besorgte, gehörte vor allem ein Besuch bei Gertrud, um – gewissermaßen der Ordnung wegen – die für mein Gefühl entbehrliche Bestätigung zu holen. Ich hätte sie von Muoth haben können; aber obwohl er weniger schuldig schien als Gertrud, brachte ich es nicht über mich zu ihm zu gehen. Ich ging zu Gertrud, traf sie nicht, kam anderen Tages wieder und unterhielt mich ein paar Minuten mit ihr und ihrem Vater, bis dieser uns allein ließ, da er glaubte, wir wollten musizieren.
Nun stand sie mir allein gegenüber und ich sah sie neugierig noch einmal an, die leicht verwandelt, doch nicht minder schön als jemals war.
»Verzeihen Sie mir, Gertrud,« sagte ich fest, »daß ich Sie noch einmal quälen muß. Ich habe Ihnen im Sommer einen Brief geschrieben – kann ich auf den jetzt Antwort haben? Ich muß verreisen, vielleicht für lange, sonst hätte ich gewartet, bis Sie selber...«
Da sie bleich wurde und mich verwundet ansah, half ich ihr und sprach weiter: »Nicht wahr, Sie müssen nein sagen? Ich habe es mir gedacht. Ich möchte nur Gewißheit haben.«
Sie nickte traurig.
»Ist es Heinrich?« fragte ich.
Und sie nickte wieder, und plötzlich erschrak sie und faßte meine Hand.
»Verzeihen Sie mir! Und tun Sie ihm nichts!«
»Das habe ich nicht im Sinn, seien Sie ruhig,« sagte ich und mußte lächeln, denn mir fiel die Marion ein und die Lotte, die auch so ängstlich an ihm hingen, und die er geschlagen hatte. Vielleicht würde er auch Gertrud schlagen, und ihre ganze herrliche Hoheit und ihr ganzes vertrauensvolles Wesen zerstören.