»Gertrud,« fing ich noch einmal an, »besinnen Sie sich noch! Nicht meinetwegen, ich weiß schon, wie es steht! Aber Muoth wird Sie nicht glücklich machen. Adieu, Gertrud.«
Meine Kälte und Klarheit war unerschüttert geblieben. Erst jetzt, als Gertrud mich so anredete und jenen Ton hatte, den ich von Lotte her kannte, und als sie mich nun ganz krank ansah und sagte: »Gehen Sie nicht so, das verdiene ich nicht von Ihnen!«, da brach mir das Herz und ich hatte Mühe, mich zu halten.
Ich gab ihr die Hand und sagte: »Ich will Ihnen nicht wehtun. Ich will auch Heinrich nicht schaden. Aber warten Sie noch, lassen Sie ihm noch nicht Gewalt über sich! Er zerstört alle, die er lieb hat.«
Sie schüttelte den Kopf und ließ meine Hand los.
»Adieu!« sagte sie leise. »Ich bin ja nicht schuld. Denken Sie gut an mich, und auch an Heinrich!«
Es war fertig. Ich ging nach Hause zurück und fuhr fort, meine Angelegenheit wie ein Geschäft zu besorgen. Wohl würgte mich dazwischen das Weh und blutete mir das Herz, doch sah ich wie von ferne zu und hatte keine Gedanken dafür frei. Es war einerlei, ob es mir in den Tagen oder Stunden, die ich übrig hatte, wohl oder übel ging. Ich ordnete die Mengen von Notenblättern, auf denen meine halbfertige Oper stand, und schrieb einen Brief an Teiser dazu, damit das Werk womöglich erhalten werde. Daneben besann ich mich angestrengt darüber, wie ich sterben sollte. Ich hätte gern meine Eltern geschont, doch fand ich keine Todesart aus, die das ermöglicht hätte. Schließlich lag daran auch nicht so viel; ich beschloß es mit dem Revolver zu tun. Alle diese Fragen tauchten nur schattenhaft und unwirklich vor mir auf. Fest stand nur die Erkenntnis, daß ich nicht mehr leben dürfe; denn schon empfand ich ahnend hinter der eisigen Hülle meines Entschlusses die Schrecklichkeit des Lebens, das mir geblieben wäre. Es schaute mich aus leeren Augen scheußlich an, und war unendlich viel häßlicher und furchtbarer als die dunkle, ziemlich gleichgültige Vorstellung des Sterbens.
Am zweiten Tage nach Mittag war ich mit meinen Besorgungen fertig. Ich wollte noch einen Gang durch die Stadt machen, ich mußte der Bibliothek noch ein paar Bücher zurückbringen. Es war mir beruhigend zu wissen, daß ich am Abend nimmer leben werde. Ich hatte die Empfindung eines Verunglückten, der in halber Narkose liegt und der nicht den Schmerz selbst, wohl aber eine Vorahnung grauenhafter Qualen fühlt. Nun hofft er nur, er möge vollends in Bewußtlosigkeit versinken, ehe der geahnte Schmerz wirklich ausbräche. So war mir zu Mute. Ich litt weniger unter einem wirklichen Schmerz als unter der peinigenden Furcht, ich möchte nochmals zum Bewußtsein kommen und dann den ganzen Becher ausleeren müssen, den der gerufene Tod mir abnehmen sollte. Darum tat ich meinen Gang in Eile, besorgte mein Geschäft und lief stracks zurück. Einen kleinen Umweg machte ich nur, um nicht an Gertruds Hause vorübergehen zu müssen. Denn ich ahnte, ohne es ausdenken zu können, daß vielleicht beim Anblick des Hauses mich die unerträgliche Qual, vor der ich auf der Flucht war, überfallen und niederwerfen möchte.
So kam ich zum Haus, in dem ich wohnte, aufatmend zurück, öffnete das Tor und stieg unverweilt die Treppe hinan, in der Seele erleichtert. Wenn jetzt noch das Weh hinter mir war und die Krallen nach mir ausstreckte, wenn jetzt irgendwo in mir der entsetzliche Schmerz zu wühlen begänne, ich hatte nur noch Schritte und Sekunden zwischen mir und der Befreiung.
Ein Mann in Uniform kam die Treppe herab mir entgegen. Ich wich aus und eilte, mich an ihm vorbeizudrängen, voller Furcht, ich möchte aufgehalten werden. Da griff er an die Mütze und nannte meinen Namen. Taumelnd sah ich ihn an. Die Anrede, der Aufenthalt, die Erfüllung meiner Befürchtung fuhr mir durch die Glieder und es überkam mich plötzlich eine Todesmüdigkeit, als müsse ich niedersinken und habe keine Hoffnung, die paar Schritte noch zu tun und mein Zimmer zu erreichen.
Indessen starrte ich den fremden Mann gepeinigt an, und da die Erschlaffung mich übernahm, setzte ich mich auf eine Treppenstufe nieder. Er fragte, ob ich krank sei, ich schüttelte den Kopf. Dabei hielt er immer etwas in der Hand, was er mir anbot und was ich nicht nehmen wollte, bis er es mir fast mit Gewalt in die Hand drückte. Ich winkte ab und sagte: »Ich will nicht.«