Er rief nach der Wirtin, die war nicht da. Da faßte er mich unter den Armen, um mich hinaufzubringen, und sobald ich sah, daß kein Entrinnen war und er mich nicht allein lassen würde, fühlte ich wieder Macht über mich, stand auf und ging voran in mein Zimmer, wohin er mir folgte. Da er mich, wie mir schien, mit Mißtrauen betrachtete, deutete ich auf mein lahmes Bein und tat, als schmerze es mich, und er glaubte es. Ich suchte meinen Geldbeutel und gab ihm eine Mark, er dankte und drückte mir endgültig das Ding in die Hand, das ich nicht hatte annehmen wollen und das ein Telegramm war.
Erschöpft stand ich am Tische und besann mich. Nun hatte man mich doch aufgehalten, hatte meinen Bann durchbrochen. Was lag da? Ein Telegramm. Von wem? Einerlei, es ging mich nichts an. Es war eine Rohheit, mir jetzt Telegramme zu bringen. Nun hatte ich alles besorgt, und im letzten Augenblicke schickt mir noch jemand ein Telegramm. Ich sah mich um, ein Brief lag auch auf dem Tisch.
Den Brief steckte ich in die Tasche, er focht mich nicht an. Aber das Telegramm quälte mich, es hatte sich in meine Gedanken eingehängt und meine Kreise gestört. Ich saß ihm gegenüber und sah es liegen, und ich besann mich, ob ich es lesen sollte oder nicht. Natürlich war es ein Angriff auf meine Freiheit, daran zweifelte ich nicht. Irgend jemand wollte versuchen, mich zu stören. Man mißgönnte mir die Flucht, man wollte, daß ich mein Leid ausfresse und durchkoste, daß kein Biß und kein Stich und kein Krampf mir erspart werde.
Warum mir das Telegramm so zu schaffen machte, weiß ich nicht. Lange saß ich am Tische und wagte es nicht zu öffnen, im Gefühl, es berge eine Macht, mich wieder zurückzuziehen und mich zum Ertragen des Unerträglichen zu zwingen, dem ich entrinnen wollte. Als ich es endlich doch öffnete, zitterte es mir in der Hand und ich entzifferte nur langsam, als müsse ich aus einer ungewohnten fremden Sprache übersetzen, den Inhalt. Der hieß: »Vater sterbend. Bitte sofort kommen. Mama.«
Allmählich begriff ich, was es bedeute. Gestern noch hatte ich an meine Eltern gedacht und bedauert, ihnen weh tun zu müssen, doch war es nur eine oberflächliche Erwägung gewesen. Nun erhoben sie Widerspruch, rissen mich zurück, machten ihr Recht geltend. Sogleich fielen mir die Gespräche ein, die ich an Weihnachten mit meinem Vater geführt hatte. Junge Leute, hatte er gesagt, können in ihrem Egoismus und Unabhängigkeitsgefühl dazu kommen, eines ungestillten Wunsches wegen das Leben wegzuwerfen; wer aber sein Leben mit anderen Leben verbunden wisse, den könnten die eigenen Begierden nicht mehr soweit führen. Und da hing auch ich an einem solchen Bande! Mein Vater lag sterbend, die Mutter war allein bei ihm, sie rief mich. Sein Sterben und ihre Not griff mir im Augenblick noch nicht ans Herz, ich glaubte schlimmere Leiden zu kennen; aber daß es nicht angehe, ihnen jetzt noch mein eigenes Bündel hinzuwerfen, ihre Bitte nicht zu hören, ihnen davonzulaufen, das sah ich wohl ein.
Am Abend stand ich reisefertig auf dem Bahnhof, tat willenlos und doch gewissenhaft das Notwendige, nahm die Karte, strich Geld ein, das mir zurückgegeben wurde, stellte mich am Perron auf und stieg in einen Wagen. Da setzte ich mich in die Ecke, einer langen Nachtreise gewärtig. Ein junger Mensch stieg ein, sah sich um, grüßte und setzte sich mir gegenüber. Er fragte etwas, ich sah ihn nur an, nichts denkend und wünschend als daß er mich allein lassen möge. Er hustete und stand auf, nahm seine Tasche aus gelbem Leder und suchte einen anderen Platz.
Der Zug fuhr durch die Nacht, blind in blödsinnigem Eifer, genau so dumpf und gewissenhaft wie ich, als ob etwas zu versäumen oder etwas zu retten wäre. Nach Stunden, als ich in die Tasche griff, fiel mir der Brief in die Hand. Auch der ist noch da, dachte ich, und machte ihn auf.
Da schrieb mein Verleger über Konzerte und Honorare, und teilte mir mit, es stehe gut und gehe vorwärts, ein großer Kritiker in München habe über mich geschrieben, er gratuliere dazu. Dabei lag der Ausschnitt aus einer Zeitschrift, ein Artikel mit meinem Namen als Titel, und ein langes Getöne vom Stand der heutigen Musik und von Wagner und von Brahms, und dann eine Kritik meiner Streichmusik, und meiner Lieder, und ein reichliches Lob und Glückauf; und während ich die kleinen schwarzen Buchstaben las, ward mir allmählich klar, daß das mir gelte, daß da die Welt und der Ruhm mir die Hand herüberstrecke. Da mußte ich einen Augenblick lachen.
Aber der Brief und der Artikel hatte mir die Binde vor den Augen gelockert, und unvermutet sah ich in die Welt zurück und sah mich nicht ausgelöscht und zurückgesunken, sondern mitten darin und dazugehörend. Ich mußte leben, ich mußte es mir gefallen lassen. Wie war das möglich? Ach, nun stieg alles herauf, was seit fünf Tagen war und was ich nur dumpf gefühlt, und dem ich zu entgehen gedacht hatte, und es war alles ekelhaft, bitter und schmählich. Es war alles ein Todesurteil, und ich hatte es nicht vollzogen, ich mußte es unvollzogen lassen.
Ich hörte den Zug knattern, ich öffnete das Fenster und sah dunkle Gegenden geduckt dahinstreichen, traurige kahle Bäume mit schwarzem Geäst, und Höfe unter großen Dächern, und ferne Hügel. Das alles schien ungern zu existieren, schien Leid und Widerwillen zu atmen. Man konnte es schön finden, mir aber kam es nur traurig vor. Das Lied fiel mir ein: »Hat das Gott gewollt?«