Am Tage, an dem ich das neue Lied aufgeschrieben und Teiser gezeigt hatte, ging ich abends durch eine Kastanienallee heimwärts, ganz von heraufschwellender Kraft zu neuer Arbeit erfüllt. Noch sahen mich die vergangenen Monate wie aus Maskenaugen in ihrer trostlosen Leere an. Nun schlug mein Herz begehrlich rasch und wollte nicht mehr begreifen, warum es seinem Leide habe entrinnen wollen. Gertruds Bild erhob sich klar und herrlich aus dem Staube und ich sah ihm wieder unerschrocken in die hellen Augen und öffnete mein Herz allen Schmerzen weit. Ach, es war besser um sie zu leiden und den Stachel tiefer in die Wunde zu drücken, als fern von ihr und fern von meinem wahren Leben gespensterhafte Zeiten hinzudämmern! Zwischen den dunklen vollen Wipfeln der breiten Kastanien hing schwarzblau der Himmel und war voll von Sternen, die schwebten alle ernst und golden und strahlten unbekümmert in die Weiten. So taten die Sterne, und die Bäume trugen ihre Knospen und Blüten und Narben frei zur Schau, und mochte es ihnen Lust oder Weh bedeuten, sie gaben sich dem großen Lebenswillen hin. Die Eintagsfliegen schwärmten taumelnd dem Tod entgegen, jedes Leben hatte seinen Glanz und seine Schönheit und ich schaute einen Augenblick hinein und verstand es und hieß es gut, und hieß auch mein Leben und meine Leiden gut.

Im Laufe des Herbstes wurde meine Oper fertig. In dieser Zeit begegnete mir in einem Konzert Herr Imthor. Er begrüßte mich herzlich und etwas verwundert, da er nichts von meinem Aufenthalt in der Stadt wußte. Er hatte nur gehört, mein Vater sei gestorben und ich lebe seither in meiner Heimat.

»Und wie geht es Fräulein Gertrud?« fragte ich möglichst ruhig.

»O, Sie sollten selber kommen und danach sehen. Anfang November soll ihre Hochzeit sein, da rechnen wir ohnehin bestimmt auf Sie.«

»Danke, Herr Imthor. Und was hören Sie von Muoth?«

»Er ist wohl. Sie wissen, ich bin mit der Heirat nicht recht einverstanden. Ich hätte Sie schon lang gerne einmal über Herrn Muoth befragt. Soweit ich ihn kenne, darf ich nicht über ihn klagen. Aber ich hörte so mancherlei über ihn: er soll ja viel mit Frauen zu tun gehabt haben. Können Sie mir darüber etwas sagen?«

»Nein, Herr Imthor. Es hätte ja auch keinen Zweck. Ihre Tochter wird auf Gerüchte hin sich schwerlich anders entschließen. Herr Muoth ist mein Freund und ich gönne es ihm, wenn er sein Glück findet.«

»Ja, ja. Sieht man Sie bald wieder einmal bei uns?«

»Ich denke wohl. Auf Wiedersehen, Herr Imthor.«

Es war noch nicht lange her, da hätte ich alles getan, um die Verbindung der beiden zu hindern, nicht aus Neid oder Hoffnung, Gertrud könnte sich doch noch mir selber zuneigen, sondern weil ich überzeugt war und vorauszufühlen meinte, daß es den beiden nicht gut gehen werde, weil ich an Muoths selbstquälerische Art von Melancholie, an seine Reizbarkeit und Gertruds Zartheit dachte und weil mir Marion und Lotte noch so wohl im Gedächtnis waren.