Jetzt dachte ich anders. Eine Erschütterung meines ganzen Lebens, ein halbes Jahr innerer Einsamkeit und das bewußte Abschiednehmen von der Jugend hatten mich verändert. Ich war jetzt der Meinung, es sei töricht und gefährlich, seine Hand nach anderer Menschen Schicksal auszustrecken, auch hatte ich keine Ursache meine Hand für geschickt und mich für einen Helfer und Menschenkenner zu halten, nachdem meine Versuche in dieser Richtung alle mißglückt waren und mich bitter beschämt hatten. Auch jetzt noch zweifle ich stark an der Fähigkeit des Menschen, sein Leben und das von anderen irgend bewußt zu bilden und zu formen. Man kann Geld erwerben, auch Ehren und Orden, aber Glück oder Unglück erwirbt man nicht, nicht für sich und nicht für andere. Man kann nur hinnehmen, was kommt, und man kann es freilich auf gar verschiedene Weisen hinnehmen. Was mich anging, so wollte ich keine gewaltsamen Versuche mehr machen, mein Leben auf die Sonnenseite hinüber zu spielen, sondern das mir Bestimmte annehmen und nach Vermögen tragen und zum Guten wenden.

Ist nun auch das Leben von solchen Meditationen unabhängig und geht über sie hinweg, so hinterlassen ehrlich gemeinte Entschlüsse und Gedanken doch einen Frieden in der Seele, und helfen das Unabänderliche tragen. Wenigstens nahm mich, wie es mir nachträglich scheinen will, seit meiner Ergebung und seit meiner Erkenntnis von der Gleichgültigkeit meines persönlichen Ergehens das Leben in sanftere Hände.

Daß das, was man mit allem Wollen und Mühen nicht erreichen kann, manchmal unerwartet von selber kommt, erfuhr ich bald darauf an meiner Mutter. Ich schrieb ihr jeden Monat und war seit einiger Zeit ohne Antwort von ihr geblieben. Wäre es ihr schlecht gegangen, so hätte ich es erfahren, darum dachte ich wenig an sie und schrieb meine Briefe weiter, kurze Berichte über mein Ergehen, denen ich jedesmal auch freundliche Grüße an Fräulein Schniebel beifügte.

Diese Grüße nun wurden neuerdings nicht mehr ausgerichtet. Den beiden Frauen war es allzuwohl ergangen und sie hatten die Erfüllung ihrer Wünsche nicht ertragen. Namentlich war dem Fräulein die gute Zeit in die Krone gestiegen. Sie war sofort nach meinem Abgang mit Triumph an der Stätte ihres Sieges eingezogen und hatte ihre Wohnung in unserem Hause aufgeschlagen. Da hauste sie nun bei ihrer alten Freundin und Cousine und empfand es als ein durch lange dürftige Jahre wohlverdientes Glück, als Mitherrin in einem stattlichen Hauswesen sich wärmen und brüsten zu dürfen. Nicht daß sie kostbare Gewohnheiten angenommen und sich auf das Geuden gelegt hätte – dazu war sie allzulange in gedrückten Verhältnissen und halber Armut gewesen. Sie trug weder feinere Kleider, noch schlief sie auf anderem Linnen; vielmehr begann sie das Hausen und Sparen nun erst recht, da es sich lohnte und etwas zum Sparen da war. Aber worauf sie nicht verzichten wollte, das war Macht und Einfluß. Die beiden Mägde mußten ihr nicht minder gehorchen als meiner Mutter, auch gegen Dienstleute, Handwerker, Briefträger wußte sie herrschaftlich aufzutreten. Und allmählich, da ja Leidenschaften nicht durch Erfüllungen zu löschen sind, dehnte sie ihre Herrschlust auch auf Dinge aus, in denen meine Mutter weniger bereitwillig nachgeben konnte. Sie wollte die Besuche, die meine Mutter bekam, ebenso auf sich selbst bezogen wissen und nicht leiden, daß jene einen empfing, ohne sie dabei zu haben. Sie wollte die Briefe, namentlich die von mir, nicht auszugsweise mitgeteilt erhalten, sondern selber lesen. Und schließlich entdeckte sie, daß im Hause meiner Mutter manches gar nicht so gehalten und besorgt und regiert wurde, wie sie es richtig fand. Vor allem schien ihr die Bewachung der Dienstboten nicht streng genug. War eine Magd des Abends außer Hause, unterhielt sich eine andere zu lange mit dem Briefträger, bat die Köchin um einen freien Sonntag, so rügte sie die Nachgiebigkeit meiner Mutter aufs Strengste und hielt ihr lange Reden über die richtige Führung eines Hauswesens. Ferner tat es ihr bitter weh, zu sehen, wie oft und gröblich die Regeln der Sparsamkeit verletzt wurden. Da wurden schon wieder Kohlen ins Haus geführt, da standen zu viele Eier auf der Abrechnung der Köchin! Sie trat mit Ernst und Eifer dagegen auf, und hier nahm die Veruneinigung der Freundinnen ihren Anfang.

Nämlich das Bisherige hatte meine Mutter sich gerne gefallen lassen, wenn sie auch nicht mit allem einverstanden und in manchen Dingen von der Freundin, deren Verhältnis zu ihr sie sich anders mochte gedacht haben, enttäuscht war. Jetzt dagegen, wo alte und ehrwürdig gewordene Gewohnheiten des Hauses in Gefahr kamen, wo ihre tägliche Bequemlichkeit und der Hausfriede zu leiden begann, konnte sie ihre Einwendungen nicht zurückhalten und machte sich wehrhaft, worin sie freilich der Freundin es nicht gleichtun konnte. Es gab Auseinandersetzungen und kleine freundschaftliche Zankereien, und als die Köchin den Dienst aufsagte und von meiner Mutter nur mit Mühe und vielen Versprechungen, ja fast Abbitten gehalten werden konnte, begann die Machtfrage im Hause zu einem wirklichen Kriege zu führen.

Das Fräulein Schniebel, stolz auf ihre Kenntnisse, ihre Erfahrungen, ihre Sparsamkeit und wirtschaftlichen Tugenden, konnte nicht einsehen, daß man ihr für alle diese Qualitäten keinen Dank wisse und fühlte sich so sehr im guten Recht, daß sie mit einer Kritik der bisherigen Wirtschaftsführung, einem Tadel für die Hausfrauenkunst meiner Mutter und einer mitleidigen Verachtung für die Gebräuche und Eigenheiten des ganzen Hauses nicht mehr hinterm Berge hielt. Nun berief sich die Hausfrau auf meinen Vater, unter dessen Leitung und nach dessen Art es so viele Jahre lang im Hause gut gegangen war. Er hatte Kleinlichkeit und ängstliche Sparsamkeit nicht geduldet, er hatte den Dienstboten Freiheit und Rechte gegönnt, er hatte Mägdegezänk und Verdrossenheit gehaßt. Als aber meine Mutter sich auf ihn berief, an dem sie früher wohl auch gelegentlich zu kritisieren gehabt hatte, der aber seit seinem Tode ihr zum Heiligen geworden war, da konnte Fräulein Schniebel nicht schweigen und erinnerte spitzig daran, wie sie schon längst ihre Meinung über den Seligen gehabt und geäußert habe, und meinte, es sei jetzt wohl an der Zeit, in dem Schlendrian einzuhalten und Vernunft walten zu lassen. Sie habe ja aus Schonung für ihre Freundin nicht an das Andenken des Verewigten rühren wollen; da diese aber selber sich auf ihn beziehe, müsse sie gestehen, daß allerdings der alte Herr an manchen Übelständen im Hause schuld sei, daß sie aber nicht einsehe, warum das nun, da sie freie Hand hätten, weiter so bleiben solle.

Das war für meine Mutter ein Schlag ins Gesicht, den sie der Kusine nicht vergaß. Früher war es ihr ein Bedürfnis und ein Genuß gewesen, hie und da im Gespräch mit dieser Vertrauten etwa zu klagen und ihrem Hausherrn einiges am Zeug zu flicken; jetzt aber ertrug sie nicht den mindesten Schatten auf seinem verklärten Bilde und begann die beginnende Revolution im Hause nicht nur als störend, sondern vor allem als eine Versündigung an dem Seligen zu empfinden.

So war es gegangen, ohne daß ich davon erfuhr. Als jetzt zum erstenmal ein Brief meiner Mutter diesen Unfrieden im Vogelkäfig andeutete, wenn auch noch schonend und vorsichtig, machte die Sache mich lachen. Ich ließ in meinem nächsten Schreiben die Grüße an die Jungfer weg, ging aber nicht auf die Andeutungen ein und dachte, die Frauen möchten besser ohne mich fertig werden. Auch kam anderes dazwischen, das mich weit mehr beschäftigte.

Es war Oktober geworden und der Gedanke an Gertruds bevorstehende Hochzeit ließ mich nicht mehr los. Ich hatte ihr Haus nicht wieder besucht und sie selber nicht wieder gesehen. Nach der Hochzeit, wenn sie fort wäre, dachte ich den Verkehr mit ihrem Vater wieder aufzunehmen. Auch hoffte ich, es werde sich zwischen ihr und mir mit der Zeit wieder ein gutes, vertrauliches Verhältnis herstellen, wir waren einander schon zu nahe gewesen, um einfach das Gewesene ausstreichen zu können. Nur jetzt hatte ich noch nicht den Mut zu einer Begegnung, welcher sie, wie ich sie kannte, nicht ausgewichen wäre.

Da pochte es eines Tages auf eine wohlbekannte Art an meiner Türe. Ahnungsvoll und verwirrt sprang ich auf und öffnete, und da stand Heinrich Muoth und streckte mir die Hand entgegen.