»Ich glaub's. So eine Stunde beim Wein mit einem Freund, wenn man einen hat, und ein gutmütiges Plaudern über dies merkwürdige Leben, das ist eigentlich das Beste, was man haben kann. Es muß schon so sein und wir müssen froh sein, daß wir das doch haben. Wie lange schafft ein armer Teufel an einer schönen Rakete, und die Freude dran dauert dann keine Minute! So muß man auch Freude und Seelenruhe und gutes Gewissen sparen, damit es hie und da zu einer hübschen Stunde reicht. Prosit, Freund!«
Ich war mit seiner Philosophie im Grunde gar nicht einverstanden, doch was lag daran? Mir war wohl, einen solchen Abend mit dem Freunde zu erleben, den ich verlieren zu müssen gefürchtet hatte und der auch so mir nicht mehr sicher war, und ich grüßte nachdenklich in die vergangene Zeit hinüber, die noch so nahe lag und doch schon meine Jugend umschloß, deren Leichtsinn und Harmlosigkeit mir nicht wiederkommen konnte.
Beizeiten machten wir ein Ende und Muoth erbot sich, noch mit mir bis zu meinem Hause zu gehen. Doch hieß ich ihn bleiben. Ich wußte, daß er nicht gern mit mir auf der Straße ging, mein langsames Hinken störte ihn und machte ihn verdrießlich. Er konnte keine Opfer bringen, und solche kleine sind ja oft die schwersten.
Mein kleines Orgelstück freute mich. Es war eine Art von Präludium und für mich eine Loslösung vom Alten, ein Dank und Glückwunsch an die Brautleute und ein Nachhall der guten Freundschaftszeiten mit ihr und mit ihm.
Am Tage der Hochzeit fand ich mich zeitig in der Kirche ein und sah der Feier versteckt von der Orgel herab zu. Als der Organist mein Stücklein spielte, sah Gertrud herauf und nickte ihrem Bräutigam zu. Ich hatte sie diese ganze Zeit nicht mehr gesehen, sie sah im weißen Kleide noch größer und schlanker aus und ging anmutig ernst den geschmückten schmalen Pfad zum Altar, an der Seite des stolzen, ungebeugt schreitenden Mannes. Es hätte weniger gut und prächtig ausgesehen, wenn an seiner Stelle ich schiefer Krüppel diesen feierlichen Weg gegangen wäre.
Es war schon dafür gesorgt, daß ich an die Hochzeit meiner Freunde nicht lange denken und meine Betrachtungen und Wünsche und Selbstquälereien nicht diesen Weg nehmen lassen konnte.
An meine Mutter hatte ich in diesen Tagen wenig gedacht. Ich wußte zwar aus ihrem letzten Briefe, daß es um Behaglichkeit und Frieden in ihrem Hause nicht glänzend bestellt sei, doch hatte ich weder Grund noch Lust, mich in den Streit der beiden Damen zu mischen, sondern ließ ihn mit einiger Schadenfreude als eine Tatsache bestehen, zu welcher mein Urteil entbehrlich war. Seither hatte ich geschrieben, ohne Antwort bekommen zu haben, und hatte mit dem Besorgen und Durchsehen der Abschriften für meine Oper genug zu tun, als daß ich mir über das Fräulein Schniebel Gedanken hätte machen können.
Da kam ein Brief von meiner Mama, der mich schon durch seinen ganz ungewohnt großen Umfang in Erstaunen setzte. Er war eine peinliche Anklageschrift gegen ihre Hausgenossin, aus der ich alle ihre Vergehungen wider den Haus- und Seelenfrieden meiner guten Mutter genau erfuhr. Es fiel ihr schwer, mir das zu schreiben, und sie tat es mit Würde und Vorsicht, allein es war ein klares Geständnis der Täuschung, in der sie betreffs ihrer alten Freundin und Base gelebt hatte. Meine Mutter gab nicht nur meiner und meines seligen Vaters Abneigung gegen Demoiselle Schniebel durchaus recht, sie war sogar jetzt bereit, das Haus zu verkaufen, falls ich das noch wünsche, und ihren Wohnort zu wechseln, und alles nur, um der Schniebel zu entrinnen.
»Es wäre vielleicht gut, wenn Du selber herkämest. Nämlich Lucie weiß schon, wie ich denke und was ich plane, sie ist darin sehr spürig; aber wir stehen zu gespannt miteinander, als daß ich ihr in der rechten Form das Nötige sagen könnte. Meine Andeutungen, daß ich lieber wieder allein im Hause wäre und daß sie entbehrlich sei, will sie nicht verstehen, und offenen Streit will ich nicht haben. Ich weiß, sie würde keifen und sich auf die Hinterbeine stellen, wenn ich sie direkt zum Gehen auffordern wollte. Da ist es besser, Du kommst und bringst das in Ordnung. Ich will keinen Skandal haben, und sie soll nicht zu kurz kommen, aber es muß ihr deutlich und bestimmt gesagt werden.«