Ich wäre auch bereit gewesen, den Drachen zu erschlagen, wenn Mama es verlangt hätte. Mit großem Vergnügen machte ich mich reisefertig und fuhr nach Hause. Dort merkte ich freilich gleich beim Eintritt in unser altes Haus, daß ein neuer Geist darin herrsche. Namentlich die große behagliche Wohnstube hatte ein grämliches, unfreudiges, gedrücktes und ärmliches Aussehen bekommen, alles sah mühsam bewacht und geschont aus, und auf dem alten soliden Fußboden lagen sogenannte »Läufer«, lange Trauerstreifen aus billigem und häßlichem Stoff, um die Diele zu schonen und am Aufwaschen zu sparen. Das alte Tafelklavier, das seit Jahren unbenutzt im Salon stand, war gleichfalls mit einer solchen Schonhülle bekleidet, und obwohl die Mutter zu meiner Ankunft Tee und Gebäck bereit und alles ein wenig nett gemacht hatte, roch es doch nach altjüngferlicher Kümmerlichkeit und Naphtalin so unverwischbar, daß ich gleich beim Empfang die Mutter anlächelte und die Nase rümpfte, was sie sofort verstand.

Kaum saß ich im Stuhl, so kam der Drache herein, trabte über die Läufer auf mich zu und ließ sich Ehre erweisen, was ich tat, ohne zu sparen. Ich fragte eingehend nach ihrem Befinden und entschuldigte das alte Haus, das vielleicht nicht jede Bequemlichkeit biete, an die sie gewöhnt sei. Sehr über meine Mutter hinwegsprechend nahm sie die Rolle der Hausfrau an sich, schaute nach dem Tee, erwiderte meine Höflichkeit eifrigst und schien zwar geschmeichelt, noch mehr aber beängstigt und mißtrauisch gemacht durch meine übertriebene Freundlichkeit. Sie witterte Verrat, war aber genötigt, auf die angenehme Tonart einzugehen und selber ihren ganzen Vorrat von etwas antiquierten Artigkeiten auszubreiten. Unter lauter Ergebenheit und Hochachtung sahen wir die Nacht herankommen, wünschten einander herzlich den besten Schlaf und trennten uns wie Diplomaten der alten Schule. Doch glaube ich, der Kobold habe trotz des Zuckerbrots in jener Nacht wenig geschlafen, während ich befriedigt ausruhte und meine arme Mutter vielleicht nach manchen in Ärger und Betrübnis hingebrachten Nächten zum erstenmal wieder mit ungeschmälerten Hausfrauengefühlen im eigenen Hause einschlief.

Beim Frühstück am andern Morgen begann dasselbe zierliche Spiel. Meine Mutter, die abends nur still und gespannt zugehört hatte, nahm jetzt mit Vergnügen selber Teil, und wir behandelten die Schniebel mit einer Artigkeit und Zartheit, die sie sehr ins Enge trieb, ja traurig machte, denn sie ahnte wohl, daß meiner Mutter diese Töne nicht vom Herzen kämen. Beinahe hätte mir das alte Mädchen leid getan, wie sie ängstlich wurde und sich klein zu machen strebte, alles lobte und gut hieß; allein ich dachte an die entlassene Stubenmagd, an die unzufrieden aussehende Köchin, die nur der Mutter zuliebe noch geblieben war, ich dachte an das eingenähte Klavier und den ganzen trübsinnig kleinlichen Geruch in meinem ehemals fröhlichen Vaterhaus, und blieb hart.

Nach Tische bat ich meine Mutter, sich etwas zu legen, und blieb mit der Base allein.

»Pflegen Sie etwa nach Tisch zu schlafen?« fragte ich höflich. »Dann möchte ich Sie nicht stören. Ich hätte etwas mit Ihnen zu reden, doch eilt es ja nicht so sehr.«

»O bitte, ich schlafe nie am Tage. So alt bin ich ja gottlob noch nicht. Ich stehe ganz zu Diensten.«

»Danke sehr, gnädiges Fräulein. Ich wollte Ihnen Dank sagen für die Freundlichkeiten, die Sie meiner Mama erwiesen haben. Sie hätte es sonst doch sehr einsam gehabt in dem leeren Haus. Nun, jetzt wird das ja anders.«

»Wie?« rief sie aufspringend. »Was wird anders?«

»Wissen Sie es noch nicht? Mama hat sich entschlossen, endlich meinen alten Wunsch zu erfüllen und zu mir zu ziehen. Da können wir das Haus natürlich nicht leer stehen lassen. So wird es denn wohl bald zum Verkauf kommen.«

Das Fräulein starrte mich fassungslos an.