Doch hörte ich nichts von ihm, Briefe schrieb er nicht. Auch Gertrud antwortete mir nur mit einem kurzen Dank und der Aufforderung, zeitig im Herbst nach München zu kommen, wo man gleich mit dem Anfang der Spielzeit mit dem Einstudieren meiner Oper fortfahren werde.
Anfangs September, als wir alle wieder in der Stadt und im gewohnten Leben waren, kamen wir einen Abend in meiner Wohnung zusammen, um meine Arbeit vom Sommer durchzusehen. Die Hauptsache war ein kleines lyrisches Stück für zwei Geigen und Klavier. Das spielten wir. Brigitte Teiser saß am Klavier, ich konnte über mein Blatt hinweg ihren Kopf mit dem schweren Kranz von blonden Zöpfen sehen, deren Ränder im Kerzenlicht golden flammten. Ihr Bruder stand neben ihr und spielte die erste Geige. Es war eine einfache, liedartige Musik, leise klagend und sommerabendlich verklingend, nicht froh noch traurig, sondern in verlorener Abendstimmung schwebend wie eine verglühende Wolke nach Sonnenuntergang. Das Stücklein gefiel den Teisers und besonders Brigitte. Sie pflegte mir selten etwas über meine Musik zu sagen, sondern sich in einer Art von mädchenhafter Ehrfurcht still zu verhalten und mich nur bewundernd anzusehen, denn sie hielt mich für einen großen Meister. Heut faßte sie sich ein Herz und gab ihr besonderes Gefallen kund. Sie glänzte mich aus ihren hellblauen Augen innig an und nickte, daß das Licht auf ihren blonden Zöpfen tanzte. Sie war sehr hübsch, beinahe eine Schönheit.
Um ihr eine Freude zu machen, nahm ich ihre Klavierstimme, schrieb mit dem Bleistift über die Noten eine Widmung »an meine Freundin Brigitte Teiser« und gab ihr die Noten zurück.
»Das soll jetzt immer über dem kleinen Lied stehen,« sagte ich galant und machte ein Kompliment. Sie las die Widmung langsam rotwerdend, streckte mir die kleine, kräftige Hand hin und hatte plötzlich die Augen voll Tränen.
»Ist's auch Ihr Ernst?« fragte sie leise.
»Es wird schon sein,« lachte ich. »Und ich finde, das Stücklein paßt ganz gut zu Ihnen, Fräulein Brigitte.«
Ihr Blick, der noch voll Tränen war, setzte mich in Erstaunen, so ernst und frauenhaft war er. Doch achtete ich nicht weiter darauf, Teiser legte jetzt seine Geige weg und meine Mutter, die seine Bedürfnisse schon kannte, schenkte den Wein in die Gläser. Das Gespräch wurde lebhaft, wir stritten über eine neue Operette, die vor einigen Wochen aufgeführt worden war, und der kleine Vorfall mit Brigitte fiel mir erst spät am Abend, als die beiden Abschied nahmen und sie mir seltsam unruhig in die Augen sah, wieder ein.
In München begann man unterdessen mein Werk einzustudieren. Da die eine Hauptrolle bei Muoth in den besten Händen war und Gertrud auch die Sopransängerin gelobt hatte, wurde mir das Orchester und die Chöre zur Hauptsache. Ich ließ meine Mutter in der Obhut der Freunde und fuhr nach München.
Am Morgen nach meiner Ankunft fuhr ich durch die schönen, breiten Straßen nach Schwabing und zu dem still gelegenen Hause, wo Muoth wohnte. Die Oper hatte ich völlig vergessen, ich dachte nur an ihn und an Gertrud und wie ich sie finden würde. Der Wagen hielt an einer fast ländlichen Nebenstraße vor einem kleinen Hause, das in herbstlichen Bäumen stand, gelbe Ahornblätter lagen zu beiden Seiten des Weges in Haufen gefegt. Beklommen trat ich ein, das Haus machte einen behaglich herrschaftlichen Eindruck, ein Diener nahm mir den Mantel ab.
In dem großen Zimmer, in das ich geführt wurde, erkannte ich zwei von den großen, alten Malereien aus dem Hause Imthor, die hierher mitgekommen waren. An einer andern Wand hing ein neues Bildnis Muoths, in München gemalt, und während ich es ansah, kam Gertrud herein.