Mir schlug das Herz, als ich ihr nach so langer Zeit in die Augen sah. Sie lächelte aus einem veränderten, strenger und reifer gewordenen Frauengesicht, doch in der alten Freundschaft, und gab mir herzlich die Hand.

»Geht es gut?« sagte sie freundlich. »Sie sind älter geworden, aber Sie sehen gut aus. Wir haben Sie schon lang erwartet.«

Sie fragte nach allen Freunden, nach ihrem Vater, nach meiner Mutter, und wie sie warm wurde und die erste Scheu vergaß, sah ich sie ganz so wie früher. Unversehens verflog meine Befangenheit und ich sprach mit ihr als mit einer guten Freundin, erzählte vom Sommer am Meer, von meiner Arbeit, von Teisers und schließlich sogar von dem armen Fräulein Schniebel.

»Nun,« rief sie, »und jetzt wird Ihre Oper gespielt! Sie werden sich freuen.«

»Ja,« sagte ich, »aber am meisten freue ich mich doch darauf, Sie wieder einmal singen zu hören.«

Sie nickte mir zu. »Darauf freu ich mich auch. Ich singe viel, aber fast nur für mich allein. Wir wollen alle Ihre Lieder singen, sie liegen immer zur Hand und werden bei mir nicht staubig. Bleiben Sie zu Tische da, mein Mann muß bald kommen und kann Sie dann nachmittags zum Dirigenten begleiten.«

Wir gingen nun in das Musikzimmer, ich setzte mich ans Klavier und da sang sie meine Lieder von damals, daß ich still wurde und Mühe hatte, heiter zu bleiben. Ihre Stimme war reifer und fester geworden, aber sie flog noch so leicht und mühelos wie sonst und ging mir mit der Erinnerung an die besten Tage meines Lebens zum Herzen, daß ich wie verzaubert über den Tasten saß, und leise die alten Noten spielte und für Augenblicke mit geschlossenen Augen lauschend Jetzt und Einst nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Gehörte sie nicht zu mir und zu meinem Leben? Waren wir nicht einander nahe wie Geschwister und eng Befreundete? Freilich, mit Muoth hatte sie anders gesungen!

Plaudernd saßen wir noch eine Weile, froh und ohne daß wir einander viel zu sagen hatten, denn wir spürten, daß es zwischen uns keiner Auseinandersetzung bedurfte. Wie es ihr gehe und wie es zwischen ihr und ihrem Manne stehe, darüber dachte ich jetzt nicht nach, das würde ich später selber sehen können. Jedenfalls war sie nicht von ihrer Bahn gewichen und ihrem Wesen nicht untreu geworden, und wenn es ihr nicht gut ging und sie zu tragen hatte, so trug sie es nobel und unverbittert.

Nach einer Stunde kam Heinrich, der schon von meinem Hiersein gehört hatte. Er begann sofort von der Oper zu sprechen, die jedermann wichtiger zu sein schien als mir selber. Ich fragte, wie es ihm in München gefalle und gehe.

»Wie überall,« sagte er ernsthaft. »Das Publikum hat mich nicht gern, weil es spürt, daß ich mir auch aus ihm nichts mache. Ich werde selten gleich beim ersten Auftreten freundlich aufgenommen; ich muß jedesmal die Leute erst fassen und mitreißen. So habe ich Erfolge, ohne beliebt zu sein. Manchmal singe ich freilich auch miserabel, das muß ich selber sagen. Nun, deine Oper wird ein Erfolg, darauf kannst du rechnen, für dich und mich. Heute gehen wir zum Dirigenten, morgen laden wir die Sopransängerin, und wen du sonst haben willst, ein. Morgen früh ist auch eine Orchesterprobe. Ich glaube, du wirst zufrieden sein.«