Gertrud hatte es nun einige Monate bei ihrem Vater gut gehabt, sie hatte ihrem Bedürfnis nach Ruhe nachgeben können und sich diesem stillen Zustand ohne tägliche Kämpfe aufatmend überlassen, wie sich ein Ermüdeter dem Schlaf überläßt, sobald man ihn liegen läßt. Es zeigte sich aber jetzt, daß sie tiefer erschöpft war als wir geglaubt und als sie selber gewußt hatte. Denn jetzt, wo Muoth sie bald wieder abholen sollte, verfiel sie in mutlose Angst, verlor den Schlaf und bat ihren Vater flehentlich, sie noch einige Zeit bei sich zu behalten.
Natürlich war Imthor zwar etwas erschreckt, da er hatte glauben müssen, sie freue sich darauf mit neuer Kraft und neuem Willen zu Muoth zurückzukehren; doch widersprach er nicht und legte ihr sogar vorsichtig den Gedanken an eine vorläufige längere Trennung als Einleitung zu einer späteren Scheidung nahe. Allein dagegen wehrte sie sich mit großer Erregung.
»Ich liebe ihn doch!« rief sie heftig, »und will ihm niemals untreu werden. Es ist nur so schwer, mit ihm zu leben! Ich will nur noch ein wenig Ruhe haben, ein paar Monate vielleicht, bis ich wieder besseren Mut habe.«
Der alte Imthor suchte sie zu beruhigen und hatte selber gar nichts dagegen, sein Kind noch eine Weile behalten zu dürfen. Er schrieb an Muoth, Gertrud sei noch leidend und wünsche noch einige Zeit zu Hause zu bleiben. Leider nahm dieser die Nachricht nicht leicht. In ihm war während der Trennungszeit die Sehnsucht nach seiner Frau überstark geworden, er hatte sich auf sie gefreut und war voll guter Vorsätze, sie wieder ganz zu gewinnen und zu eigen zu bekommen.
Nun traf ihn Imthors Brief als eine schwere Enttäuschung. Er schrieb sogleich leidenschaftlich zurück, voll Argwohn gegen den Schwiegervater. Er glaubte, dieser habe gegen ihn gearbeitet, da er die Trennung der Ehe wünsche, und verlangte eine sofortige Zusammenkunft mit Gertrud, auf deren Wiedergewinnung er sicher hoffte. Der Alte kam mit dem Briefe zu mir und wir überlegten lange, was zu tun sei. Es schien uns beiden richtig, daß eine Zusammenkunft der Gatten im Augenblick vermieden werde, da Gertrud offenbar jetzt keine Stürme ertragen konnte. Imthor war voll Besorgnis und bat mich, selber zu Muoth zu reisen und ihm zuzureden, er möge Gertrud für eine Weile in Ruhe lassen. Ich weiß jetzt, daß ich das hätte tun sollen. Damals hatte ich Bedenken und hielt es für gefährlich, meinen Freund wissen zu lassen, daß ich der Vertraute seines Schwiegervaters und mit Dingen seines Lebens bekannt sei, in die er mich nicht selber hatte einweihen wollen. Ich weigerte mich denn und es blieb bei einem Brief des Alten, der natürlich nichts besserte.
Vielmehr kam Muoth, ohne sich anzumelden, selber hergereist und erschreckte uns alle durch die kaum gezügelte Leidenschaft seiner Liebe und seines Argwohns. Gertrud, die von dem kurzen Briefwechsel nichts wußte, war von dem Besuch des noch nicht Erwarteten und von seiner fast zornigen Erregung völlig überrascht und benommen. Es gab einen peinlichen Auftritt, von dem ich wenig erfahren konnte. Ich weiß nur: Muoth drang in Gertrud, sie möge mit ihm nach München zurückkehren. Sie erklärte sich bereit zu folgen, wenn es nicht anders sein könne, bat aber, sie noch länger bei ihrem Vater zu lassen, sie sei müde und brauche noch Ruhe. Nun warf er ihr vor, sie wolle sich ihm entziehen und sei vom Vater aufgestiftet, wurde bei ihren sanften Erklärungen noch mißtrauischer und war in seinem Anfall von Zorn und Bitterkeit so töricht, ihr kurzerhand die Rückkehr zu ihm zu befehlen. Darauf empörte sich ihr Stolz, sie blieb ruhig, weigerte sich aber, ihn weiter anzuhören und erklärte nun auf alle Fälle hier zu bleiben. Auf diese Szene war am nächsten Morgen eine Art von Versöhnung gefolgt und Muoth hatte, beschämt und reuig, nun alle ihre Wünsche gebilligt. Dann war er wieder abgereist, ohne bei mir vorgesprochen zu haben.
Als ich das hörte, erschrak ich und sah das Übel kommen, das ich von Anfang an gefürchtet hatte. Auf den häßlichen und törichten Auftritt hin, dachte ich mir, mochte es nun lange dauern, bis sie die Heiterkeit und den Mut zur Rückkehr wiederfinden würde. Und er war inzwischen in Gefahr, zu verwildern und ihr trotz aller Sehnsucht noch fremder zu werden. Er würde, allein in dem Hause, in dem er eine Weile glücklich gewesen war, es nicht lange aushalten, er würde verzweifeln, trinken, vielleicht wieder andere Frauen nehmen, die ihm ohnehin nachliefen.
Indessen blieb es still, er schrieb an Gertrud und bat nochmals um Verzeihung, sie gab ihm Antwort und mahnte voll Mitleid und Freundlichkeit zur Geduld. Ich sah sie um diese Zeit wenig. Zuweilen machte ich den Versuch, sie zum Singen zu bewegen, sie schüttelte aber stets den Kopf. Doch traf ich sie mehrmals am Flügel.
Es war mir merkwürdig und unheimlich, die schöne stolze Frau, die ich immer voll Kraft und Heiterkeit und innerer Ruhe gesehen hatte, nun scheu und im Kern ihres Empfindens erschüttert zu finden. Manchmal kam sie zu meiner Mutter, fragte freundlich nach unsrem Ergehen, saß neben der alten Frau eine kleine Weile auf dem grauen Divan und versuchte zu plaudern, und ich hörte mit brechendem Herzen zu und sah, wie sie Mühe hatte, ein Lächeln aufzubringen. Der Schein wurde aufrecht erhalten, als wisse weder ich noch irgend jemand von ihrem Leid oder als hielten wir es nur für Nervosität und äußere Schwäche. So vermochte ich kaum ihr in die Augen zu blicken, in denen der uneingestandene Jammer, von dem ich nichts wissen sollte, so deutlich geschrieben stand. Und wir sprachen und lebten und gingen aneinander vorbei, als wäre alles wie immer, und schämten uns doch vor einander und wichen einander aus! und mitten in dieser traurigen Wirrnis des Fühlens packte mich hie und da mit plötzlicher Fieberglut die Vorstellung, daß ihr Herz ihrem Manne nicht mehr gehöre und frei sei, und daß es nun an mir sei, sie nicht abermals verloren gehen zu lassen, sondern sie für mich zu gewinnen und vor allem Sturm und Leide an meinem Herzen zu bergen. Dann schloß ich mich ein, spielte die heiße werbende Musik meiner Oper, die ich plötzlich wieder liebte und verstand, lag glühende Nächte verlangend und dürstend und litt alle lächelnd überwundene Qual der Jugend und unerfüllbaren Begehrens noch einmal und nicht minder schwer als damals, da ich zuerst für sie gebrannt und ihr jenen einzigen, unvergessenen Kuß gegeben hatte. Der loderte mir wieder auf den Lippen und sengte die Ruhe und Entsagung von Jahren in Stunden zu Asche.
Nur in Gertruds Gegenwart sank die Flamme in sich zusammen. Selbst wenn ich töricht und unedel genug gewesen wäre, meinem Verlangen zu folgen und ohne Rücksicht auf ihren Mann, der mein Freund war, um ihr Herz zu werben, ich hätte unter den Blicken dieser leidenden, zarten, eigensinnig in ihren Schmerz verbissenen Frau mich schämen müssen, ihr anders als mit Mitleid und vorsichtiger Schonung entgegen zu kommen. Auch wurde sie, je mehr sie litt und vielleicht an Hoffnung verlor, desto stolzer und unnahbarer. Sie trug ihre hohe Gestalt und den feinen, dunkelblonden Kopf so steil und nobel wie nie und erlaubte keinem von uns durch die leiseste Geberde ihr nahe zu treten und tragen zu helfen.