Wir sahen alle, daß es ihr nicht gut ging, und ihr Vater gestand mir nachher, er habe ihr vorgeschlagen, ganz bei ihm zu bleiben, doch habe sie es nicht angenommen.
»Sie liebt ihn«, sagte ich.
Er zuckte die Achseln und sah mich bekümmert an. »Ach, ich weiß nicht. Wer will sich in dem Elend noch auskennen! Aber sie hat gesagt, es sei seinetwegen, daß sie bei ihm bleibe, er sei so zerstört und unglücklich und brauche sie mehr als er selber wisse. Ihr sage er nichts, aber es stehe ihm im Gesicht geschrieben.«
Dann senkte der Alte die Stimme und sagte ganz leise und beschämt: »Sie meint, er trinke.«
»Ein wenig hat er das immer getan«, sagte ich tröstend, »aber ich habe ihn nie betrunken gesehen. Er hält auf sich. Er ist ein nervöser Mensch, der sich nicht in der Zucht hat, aber an seinem Wesen selber vielleicht mehr leidet als er andre leiden macht.«
Wie furchtbar die beiden schönen, herrlichen Menschen in der Stille litten, wußten wir alle nicht. Ich glaube nicht, daß sie jemals aufgehört haben einander zu lieben. Aber im Grunde ihres Wesens gehörten sie nicht zusammen, sie fanden sich nur in Erregung und im Glanz gesteigerter Stunden. Das heiter ernste Hinnehmen des Lebens, das beruhigte Atmen in der Klarheit des eigenen Wesens hatte Muoth nie gekannt, und Gertrud konnte sein Stürmen und Brüten, sein Fallen und Wiederaufstehen, seinen ewigen Durst nach Selbstvergessen und Rausch nur dulden und bemitleiden, nicht ändern und nicht mitleben. So liebten sie einander und kamen doch nie ganz zusammen, und während er seine stille Hoffnung betrogen sah, durch Gertrud zu Frieden und Genügen zu kommen, mußte sie sehen und leiden, daß ihr Wille und ihr Opfer vergebens war, und daß auch sie ihn nicht trösten und vor sich selbst retten konnte. So war ihnen beiden der geheime Traum und sehnlichste Wunsch zerstört, sie konnten nur mit Opfern und Schonung beisammen bleiben, und es war tapfer, daß sie es taten.
Ich sah Heinrich erst im Sommer wieder, als er Gertrud zu ihrem Vater brachte. Da war er mit ihr und mit mir zart und behutsam, wie ich ihn nie gesehen hatte, und ich merkte wohl, wie er sie zu verlieren fürchtete, und ich fühlte auch, daß er den Verlust nicht ertragen würde. Sie aber war müde und verlangte nichts als Ruhe und stille Tage, um sich wiederzufinden und wieder Kraft und Gleichmut zu gewinnen. Wir brachten einen lauen Abend bei uns im Garten zu. Da saß Gertrud zwischen meiner Mutter und Brigitte, deren Hand sie hielt, Heinrich ging leise zwischen den Rosen hin und wider und ich spielte mit Teiser auf der Terrasse eine Geigensonate. Wie da Gertrud stille ruhte und den Frieden der Stunde atmete, und wie Brigitte verehrend sich an die schöne leidende Frau schmiegte, und wie Muoth geneigt mit leisen Schritten draußen im Schatten ging und horchte, das ist mir als ein unverlierbares Bild in der Seele geblieben. Nachher sagte Heinrich leise scherzend, aber mit traurigen Augen zu mir: »Wie da die drei Frauen beieinander sitzen! Und glücklich sieht von allen dreien nur deine Mutter aus. Wir wollen sehen, daß wir auch so alt werden.«
Dann reisten wir auseinander, Muoth allein nach Bayreuth, Gertrud mit ihrem Vater in die Berge, die Teisers nach Steiermark und ich mit meiner Mutter wieder an die Nordsee. Da ging ich oft am Strande und hörte dem Meere zu und dachte nicht anders als ich es vor Jahren in der ersten Jugend getan hatte, mit Verwunderung und Grauen an die traurig närrischen Wirrnisse des Lebens, daß Liebe vergebens sein kann, und daß Menschen, die es gut miteinander meinen, doch einer am andern vorbei ihr Schicksal leben, jeder sein eigenes, unbegreifliches, und wie jeder den andern helfen und nahe sein möchte und nicht kann, wie in sinnlosen trüben Angstträumen. Und ich dachte oft auch wieder an Muoths Worte über Jugend und Alter und war neugierig, ob auch mir einmal das Leben einfach und klar werden würde. Meine Mutter lächelte dazu, wenn ich im Gespräch daran rührte, und sah wirklich zufrieden aus. Und sie erinnerte mich zu meiner Beschämung an meinen Freund Teiser, der noch nicht alt war und doch alt genug, um seinen Teil erfahren zu haben, und der als ein Kind mit einer Mozartmelodie auf den Lippen unbeschwert dahin lebte. Es lag nicht am Alter, das sah ich wohl, und vielleicht war unser Leid und Nichtwissen doch nur jene Krankheit, von der mir einst Herr Lohe gesprochen hatte. Oder war auch dieser Weise eben ein Kind wie Teiser?
Allein so oder so, mein Denken und Brüten änderte nichts. Wenn mir Musik die Seele bewegte, dann verstand ich ohne Worte doch alles, fühlte in der Tiefe alles Lebens reine Harmonien und glaubte zu wissen, daß ein Sinn und schönes Gesetz in allem Geschehen verborgen sei. Wenn es auch eine Täuschung war, ich lebte doch darin und war darin beglückt.
Vielleicht wäre es besser gewesen, Gertrud hätte sich für den Sommer nicht von ihrem Mann getrennt. Sie begann zwar sich zu erholen und sah wirklich im Herbst, als ich sie nach der Reise wiedersah, gesünder und widerstandsfähiger aus. Aber die Hoffnungen, die wir auf diese Kräftigung bauten, waren Täuschungen.