So endete der Freudentag, und jeder von uns lag noch lange erregt in Gedanken wach. Ich dachte an Brigitte. Die war nun alle diese Zeit in meiner Nähe gewesen und ich hatte nichts als gute Kameradschaft mit ihr gehabt und haben wollen, gerade wie Gertrud mit mir, und als sie meine Liebe zu der andern erraten hatte, war es für sie dasselbe wie es damals für mich gewesen war, als ich den Brief bei Muoth entdeckte und den Revolver lud. Und so traurig es mich machte, mußte ich doch darüber lächeln.
Die Tage, die ich noch in München blieb, brachte ich zumeist bei Muoths hin. Es war kein Zusammensein mehr wie jene ersten Nachmittage, da wir drei zuerst miteinander gespielt und gesungen hatten; aber es gab doch im Nachglanz der Aufführung ein wortloses, gemeinsames Denken an jene Zeit und ein gelegentliches Aufleuchten auch zwischen ihm und Gertrud. Als ich Abschied genommen hatte, sah ich von draußen noch eine Weile auf das stille Haus in den winterlichen Bäumen, hoffte dort noch manchmal einzukehren und hätte gern mein bißchen Zufriedenheit und Glück hingegeben, um den beiden drinnen von neuem und für immer zueinander zu helfen.
Nach der Heimkehr empfing mich, wie Heinrich mir vorausgesagt hatte, der Ruf des Erfolges mit vielen unangenehmen und zum Teil lächerlichen Folgen. Die Geschäfte waren leicht abzuwälzen, indem ich die Oper einem Agenten überließ. Aber es kamen auch Besuche, Zeitungsleute, Verleger, törichte Briefe, und es dauerte einige Zeit, bis ich mich an die kleinen Lasten eines rasch bekannt gewordenen Namens gewöhnte und mich von der ersten Enttäuschung erholte. Die Menschen machen ihre Rechte an einen bekannt gewordenen Namen auf merkwürdige Art geltend, da ist kein Unterschied zwischen Wunderkind, Komponist, Dichter, Raubmörder. Der eine will sein Bild haben, der andere seine Handschrift, der dritte bettelt um Geld, jeder junge Kollege schickt seine Arbeiten ein, schmeichelt gewaltig und bittet um ein Urteil, und antwortet man nicht oder sagt man seine Meinung, so wird derselbe Verehrer plötzlich bitter, grob und rachsüchtig. Die Zeitschriften wollen das Bild des Mannes abdrucken, die Zeitungen erzählen von seinem Leben, seiner Herkunft, seinem Aussehen. Schulkameraden bringen sich in Erinnerung und entfernte Verwandte wollen schon vor Jahren gesagt haben, daß ihr Vetter noch einmal berühmt werde.
Unter den Briefen dieser Art, die mich in Verlegenheit und Bedrängnis brachten, war auch einer von Fräulein Schniebel, der uns belustigte, und einer von jemand, an den ich lange nimmer gedacht hatte. Es war die hübsche Liddy, die mir schrieb, jedoch ohne unserer Schlittenfahrt zu erwähnen, sondern ganz im Tone einer alten treuen Freundin. Sie hatte einen Musiklehrer in ihrer Heimat geheiratet und gab mir ihre Adresse, damit ich recht bald alle meine Kompositionen mit einer hübschen Widmung an sie schicken könne. Sie legte ihr Bildnis bei, das jedoch die wohlbekannten Züge gealtert und vergröbert zeigte, und ich gab ihr möglichst freundlich Antwort.
Doch gehören diese kleinen Dinge zum Untergesunkenen, das keine Spuren läßt. Auch die guten und herrlichen Früchte meines Erfolges, die Bekanntschaft mit edlen und feinen Menschen, die die Musik im Herzen und nicht nur im Munde haben, gehören nicht zu meinem eigentlichen Leben, das nach wie vor in der Stille blieb und sich seither wenig mehr verändert hat. Es bleibt mir nur übrig zu erzählen, welche Wendung das Schicksal meiner nächsten Freunde genommen hat.
Der alte Herr Imthor sah nicht mehr so viel Gesellschaft wie früher, als Gertrud dagewesen war. Aber es gab in seinem Hause zwischen den vielen Bildern alle drei Wochen einen Abend mit auserwählter Kammermusik, den ich regelmäßig besuchte. Ich brachte zuweilen auch Teiser dahin mit. Doch hielt Imthor darauf, daß ich ihn auch sonst besuche. So kam ich manchmal früh am Abend, das war seine Lieblingsstunde, zu ihm in sein einfaches Schreibzimmer, wo ein Bild von Gertrud hing, und da es allmählich zwischen dem alten Herrn und mir zu einem äußerlich kühlen, doch haltbaren Verständnis und Redebedürfnis gekommen war, kam unser Gespräch nicht selten auf das, was uns beide im Herzen am meisten beschäftigte. Ich mußte von München erzählen und verschwieg nicht, welchen Eindruck ich vom Verhältnis der Gatten bekommen hatte. Er nickte dazu.
»Es kann wohl noch alles gut werden«, sagte er seufzend, »aber wir können nichts dazu tun. Ich freue mich auf den Sommer, da habe ich das Kind zwei Monate für mich. In München besuche ich sie selten und nicht gerne, sie hält sich auch so tapfer, daß ich sie nicht stören und weich machen darf.«
Gertruds Briefe brachten nichts Neues. Als sie aber in der Zeit um Ostern zu Besuch beim Alten war und auch uns in unserem Häuschen besuchte, sah sie mager und gespannt aus, und so sehr sie mit uns freundlich war und sich zu verstecken suchte, sahen wir doch oft in ihren ernst gewordenen Augen eine ungewohnte Hoffnungslosigkeit stehen. Ich mußte ihr meine neue Musik spielen, aber als ich sie bat uns etwas zu singen, schüttelte sie den Kopf und sah mich abwehrend an.
»Ein andermal wieder«, sagte sie unsicher.