Ich ging zu Bett und lag noch eine halbe Stunde wach, in Gedanken an ihn. Es hatte mich gerührt und beschämt zu hören, wie treulich er sich aller kleinen Erlebnisse unserer Freundschaft erinnerte. Er, dem es schwer fiel Freundschaft zu zeigen, hing an denen, die er liebte, inniger als ich gedacht hatte.
Danach schlief ich ein und träumte durcheinander von Muoth, von meiner Oper und vom Herrn Lohe. Als ich erwachte, war es noch Nacht. Ich war an einem Schrecken erwacht, der nichts mit meinen Träumen zu tun hatte, sah mattgrau das bleiche Viereck des Fensters dämmern und fühlte eine quälende Beklemmung, richtete mich im Bette auf und versuchte vollends wach und klar zu werden.
Da geschahen rasche, kräftige Schläge an meine Tür, ich sprang auf und öffnete, es war kalt und ich hatte noch kein Licht gemacht. Draußen stand der Diener, nur notdürftig angekleidet, und starrte mich aus erschreckten, dummen Augen ängstlich an.
»Kommen Sie!« flüsterte er keuchend. »Kommen Sie! Es ist ein Unglück geschehen.«
Ich zog nur einen Schlafrock an, der eben da hing, und folgte dem jungen Manne die Treppe hinab. Er öffnete eine Türe, trat zurück und ließ mich eintreten. Da stand auf einem kleinen Rohrtische ein Leuchter, in dem drei dicke Kerzen brannten, und daneben ein zerwühltes Bett, und darin sah ich, auf dem Gesichte liegend, meinen Freund Muoth.
»Wir müssen ihn umdrehen,« sagte ich leise.
Der Diener traute sich nicht recht heran.
»Der Arzt muß gleich kommen,« sagte er stotternd.
Aber ich zwang ihn anzufassen und wir wendeten den Liegenden um, und ich sah meinem Freunde in das Gesicht, das war weiß und verzogen, und sein Hemd war voll Blut, und als wir ihn legten und wieder zudeckten, zuckte sein Mund ganz leicht, und die Augen hatten keinen Blick mehr.
Der Diener fing jetzt eifrig an zu erzählen, aber ich wollte nichts wissen. Als der Arzt kam, war Muoth schon tot. In der Frühe telegraphierte ich an Imthor, dann kehrte ich in das stille Haus zurück, saß am Bett des Toten, hörte den Wind draußen in den Bäumen gehen und wußte erst jetzt genau, wie lieb ich diesen armen Menschen gehabt hatte. Bedauern konnte ich ihn nicht, sein Sterben war leichter gewesen als sein Leben.