»So?« sagte er gutmütig. »Und du hast es natürlich geglaubt? Du hättest überhaupt Theolog werden sollen.«

»Warum? Es kann doch was daran sein.«

»Natürlich. Die gescheiten Herren weisen immer von Zeit zu Zeit nach, daß alles nur Einbildung sei. Weißt du, ich habe früher oft solche Bücher gelesen, und ich kann dir sagen, es ist nichts damit, absolut nichts. Alles, was diese Philosophen schreiben, ist nur eine Spielerei, vielleicht trösten sie sich selber damit. Der eine erfindet den Individualismus, weil er seine Zeitgenossen nicht leiden mag, und der andere den Sozialismus, weil er es allein nicht aushält. Es kann ja sein, daß unser Einsamkeitsgefühl eine Krankheit ist. Nur wird damit nichts anders. Das Nachtwandeln ist auch eine Krankheit, deswegen steht so ein Kerl doch tatsächlich in der Dachrinne, und wenn man ihn anschreit, bricht er das Genick.«

»Nun, das ist doch etwas anderes.«

»Meinetwegen, ich will nicht recht haben. Ich meine nur, mit der Weisheit kommt man zu nichts. Es gibt nur zwei Weisheiten, alles zwischen drin ist Geschwätz.«

»Was für zwei Weisheiten meinst du?«

»Nun, entweder ist die Welt schlecht und lumpig, wie es die Buddhisten und Christen sagen. Dann muß man sich kasteien, auf alles verzichten, und ich glaube, man kann dabei ganz zufrieden werden. Asketen haben kein so schweres Leben, wie man meint. Oder aber ist die Welt und das Leben gut und recht, dann kann man nur eben mitmachen und nachher ruhig sterben, weil es dann fertig ist..«

»Und an was glaubst du selber?«

»Das muß man niemand fragen. Die meisten Leute glauben beides, je nachdem das Wetter ist und sie gesund sind und Geld im Sack haben oder nicht. Und die, die wirklich glauben, leben nicht danach. So ist es bei mir auch. Ich glaube nämlich wie Buddha, daß das Leben nichts wert ist. Aber ich lebe doch, wie es meinen Sinnen wohl tut und wie wenn die die Hauptsache wären. Wenn es nur vergnüglicher wäre!«

Es war noch nicht spät, als wir ein Ende machten. Als wir durch das Nebenzimmer gingen, wo nur eine einsame elektrische Lampe glühte, hielt Muoth mich am Arm zurück, entzündete alle Lichter und nahm den Vorhang von Gertruds Bild, das da lehnte. Wir blickten noch einmal in das liebe, klare Gesicht, dann deckte er das Tuch darüber und löschte. Er begleitete mich in mein Zimmer und legte mir noch ein paar Zeitschriften auf den Tisch, falls ich lesen wolle. Dann gab er mir die Hand und sagte leise: »Gute Nacht, Lieber!«