»Aber,« wandte ich noch ein, »wir sollten das Bild doch lieber jetzt ansehen oder am Nachmittag. Bilder muß man doch bei Tageslicht sehen.«
»Ach was, du kannst es ja morgen noch lang genug anschauen. Es ist ja hoffentlich eine gute Malerei, aber im Grund ist uns das doch ganz einerlei, wir wollen doch bloß sie sehen.«
Nach Tische fuhren wir in die Stadt und kauften ein, vor allem die Blumen, einen großen Strauß Chrysanthemen, einen Korb Rosen und ein paar Büsche weißen Flieder. Dabei fiel es ihm ein, auch eine große Sendung Blumen an Gertrud nach R. schicken zu lassen.
»Es ist doch etwas Schönes um Blumen,« sagte er nachdenklich. »Ich begreife, daß Gertrud sie gern hat. Sie gefallen mir auch, nur kann ich keine Sorgfalt für so etwas aufbringen. Wenn keine Frau danach sah, war es bei mir immer unordentlich und nicht recht behaglich.«
Am Abend fand ich im Musikzimmer das neue Bild aufgestellt und mit einem Seidentuche verhängt. Wir hatten festlich getafelt und Muoth begehrte nun zuerst das Hochzeitspräludium zu hören. Nachdem ich es gespielt hatte, enthüllte er das Bild, und wir standen eine Weile schweigend davor. Gertrud war in einem hellen sommerlichen Kleide gemalt, in ganzer Figur, und blickte uns aus den klaren Augen vertraulich an, und es dauerte eine Zeit, ehe wir einander ansehen und die Hände geben konnten. Muoth schenkte zwei Gläser voll Rheinwein, nickte dem Bilde zu, und wir tranken auf sie, an die wir beide dachten. Dann nahm er das Bild sorglich in die Arme und trug es hinaus.
Ich bat ihn, etwas zu singen, doch wollte er nicht.
»Weißt du noch,« sagte er lächelnd, »wie wir damals vor meiner Hochzeit einen Abend beieinander saßen? Jetzt bin ich ja wieder Junggesell und wir wollen noch einmal versuchen, mit den Gläsern zu läuten und ein bißchen vergnügt zu sein. Dein Teiser sollte dabei sein, der versteht sich auf die Fröhlichkeit besser als ich und du. Du mußt ihn schön grüßen, wenn du wieder heimkommst. Er kann mich ja nicht leiden, aber trotzdem – –.«
Mit der vorsichtigen, gehaltenen Heiterkeit, mit der er immer seine guten Stunden gekostet hatte, begann er zu plaudern und mich an Vergangenes zu erinnern, und ich war erstaunt, wie alles, auch Kleines und Zufälliges, was ich bei ihm längst vergessen glaubte, unverloren in seiner Erinnerung lebte. Auch den allerersten Abend, den ich bei ihm und Marion mit Kranzl und den andern zugebracht hatte, und unsern damaligen Streit hatte er nicht vergessen. Nur von Gertrud sprach er nicht; die Zeit, seit der sie zwischen uns getreten war, ließ er unberührt, und mir war es lieb.
Ich freute mich über diese unerwartet schönen Stunden, ließ ihn auch dem guten Wein reichlich zusprechen, ohne ihn zu mahnen. Ich wußte, wie selten solche Stimmungen bei ihm waren, wie er sie selber hütete und hegte, wenn sie einmal kamen, und sie kamen freilich nie ohne Wein. Ich wußte auch, daß das nicht lange dauern konnte, daß er morgen wieder verdrossen und unzugänglich sein werde; dennoch kam auch in mir eine herzliche Wärme und beinahe fröhliche Stimmung auf, indessen ich seinen gescheiten, nachdenklichen, wenn auch widerspruchsvollen Betrachtungen zuhörte. Dabei warf er mir zuweilen einen seiner schönen Blicke zu, die er nur in solchen Stunden hatte und die wie die Blicke eines eben Erwachenden mitten aus einem Traum zu kommen schienen.
Einmal, als er schwieg und sann, begann ich ihm zu erzählen, was mein Theosoph mir über die Krankheit des Einsamseins gesagt hatte.