„Was rennst du!“ rief Lauscher. „Für uns ist das Wetter lang gut genug. Mir paßt’s so besser, als Lump im Sonnenschein zu spielen. Wenn der Benediktiner nicht ausgepfiffen hätte, wär ich für eine Naturkneipe. Außerdem ist der Säbelwetzer langweilig und der Elenderle wird schon bald wieder am Heulen sein. — Trinken sie Uhlbacher? Dann geh ich nicht mit, der Uhlbacher vom Löwen haßt mich. Aber was versteht ihr von Wein!“
„Weinprotz!“ lachte Aber. „Nein, sie haben eine uralte Moselwette dort stehen, oder Winkler oder was ähnliches. Jedenfalls was besseres. — Dabei fällt mir ein: warum gründen wir eigentlich nichts? Wir vier oder fünf hocken doch ewig zusammen, man könnte den Appenzeller und so ein paar Bierhühner mitlotsen, es gäbe so was wie eine Ausstellung der Zurückgewiesenen.“
„Gründen?“ brauste Lauscher auf, der damals das spätere cénacle noch nicht ahnte. „Lieber werd ich Eremit.“
„Warum nicht gar! Es gäbe ein Kollegium von Ausgetretenen aus allen fashionablen Verbindungen, oder von Rettungslosen aus allen Fakultäten. Der Elenderle würde die Sündenlast der Gesellschaft in Tränen umsetzen, der Säbelwetzer bekäme ein Dauerpaukwams und würde auf alle Waffen für uns losgehen, ich wäre die Bierkommission, du Schrift- und Weinwärtel . . .“
„Und so weiter. Schon gut.“
„Der Appenzeller würde sich unübertrefflich dazu qualifizieren, Mitteilungen und Forderungen der Gesellschaft den Chargierten der Verbindungen zu überbringen. Der Nebukadnezar wäre ein censor morum ohnegleichen. Der Kaißer hat einen Onkel, der Weinberge besitzen soll; der Schnauzer ist reich und dumm —“
„Und dann würden wir eine Kneipe mieten und zweimal in der Woche ‚Altheidelberg‘ und ‚es geht ein Lumpidus‘ miteinander singen. Und Füchse keilen. Und Präsidepauken schwingen. Ich danke.“
„Warum? Wir könnten im Schwarzwälder kneipen und im Komment alle anständigen Lokäler verbieten. Z. B.: Wer im Ochsen oder im Innern der Aula betroffen wird, zahlt eine Mark Buße. Wer fachsimpelt, zahlt zwei Maß . . .“
„Nein, bitte, du fängst wieder an nach Komment zu riechen.“
Die Freunde waren auf der alten Brücke angelangt. Aus der Kneipe der Burschenschaft klang lauter Chorgesang. Der Neckar strömte wild um den breiten Brückenpfeiler, auf dem raschen Wasser glänzten unruhig die Laternenlichter, schwarz und großartig streckte sich die Platanenallee in die Nacht. Vom Turm der Stiftskirche tönte das Stundenhorn, zackig und wechselvoll beleuchtet, stand die malerische Häuserreihe des hohen Neckarufers bis zum alten Stift hinab. Beide Freunde schwiegen, so lange sie über die Brücke gingen. Vielleicht stieg beim Anblick der schönen, nächtlichen Stadt, beim Rauschen des Neckars und Singen der Studenten in beiden das Erinnern an die kaum vergangenen Tage auf, da ihnen noch die eigentümliche, romantische Schönheit und Stimmung dieser Stelle ahnungsvoll und freudig ans Herz gerührt hatte, da sie noch mit der Hoffnung und dem ganzen süßen, krausen Stimmungsduft der ersten Semester hier gegangen waren.