„An was denkst du dabei?“ fragte hier lächelnd Karl Hamelt.
„Du weißt es schon!“ rief Hermann. „Ja, ich gestehe, mein kürzlich gedrucktes Buch beängstigt mich. Ich muß wieder aus dem Vollen schöpfen lernen, an die Quellen zurückgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues zu dichten, als ein tüchtiges Stück frisch und ungebrochen zu leben. Ich möchte wieder wie in meiner Knabenzeit an Bächen liegen, über Berge steigen oder wie sonst die Geige spielen, den Mädchen nachlaufen, ins Blaue hineinleben und warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos und ängstlich nachjagen.“
„Sie haben recht,“ klang plötzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jünglingen stehen blieb.
„Drehdichum!“ riefen alle fröhlich aus. „Guten Tag, Herr Philosoph! Guten Morgen, Herr Überall!“
Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre kräftig an und wendete sein wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu.
„Es ist“, begann er lächelnd, „noch ein Stück Jugend in mir, das sich gerne wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme ich an Ihrer Unterhaltung teil.“
„Gerne,“ sagte Karl Hamelt. „Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie ein Dichter aus dem Unbewußten schöpfen müsse und wie wenig ihm mit aller Wissenschaft gedient sei.“
„Nicht übel!“ entgegnete langsam der Alte. „Ich habe immer zu den Dichtern eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere Menschen zu dem Glauben, daß im Schoß des Lebens gewisse ewige Mächte und Schönheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rätselhafte Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewöhnliche Leben und sie selber nur Bilder auf einem gemalten hübschen Vorhang und erst hinter diesem Vorhang spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir die höchsten, ewigsten Worte der großen Dichter wie das Lallen eines Träumenden zu sein, der, ohne es zu wissen, von den flüchtig erblickten Höhen einer jenseitigen Welt mit schweren Lippen murmelt.“
„Sehr schön,“ rief hier Oskar Ripplein, „sehr hübsch gesagt, Herr Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwärmerische Lehre ist vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man träumte damals auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. Man hört in den Schulen noch davon reden als von einer glücklich überwundenen Dichterkrankheit, und heute träumt längst kein Mensch mehr so, oder wenn er träumt, so weiß er doch, daß das Gehirn . . .“
„Satis!“ rief da der Kandidat Hamelt. „Vor hundert und mehr Jahren sind auch schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben langweilige Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Träumer und Phantasten immer noch stattlicher und liebenswürdiger aus als diese allzuverständigen Schlaumeier. Übrigens was das Träumen betrifft, auch mir hat es dieser Tage merkwürdig geträumt.“