Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da mußte die schöne Lulu weinen, sie wußte nicht warum.

Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile.

„Warum weinen Sie, Lulu?“ fragte Drehdichum.

„Ach, hab ich geweint?“ antwortete sie schüchtern. „Mir wollte ein Lied aus meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.“

Hastig ward die Tür aufgerissen, und die Frau Müller kam hereingerannt. „Was, noch immer an den paar Gläsern?“ rief sie keifend. Lulu weinte wieder, die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der Philosoph aus seiner kurzen Pfeife einen großen Rauchringel blies, sich darein setzte und leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster fuhr.

IV.

Die Mitglieder des petit cénacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwärmerischen Gespräche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase liegenden Kameraden, durch Gelächter ebenso oft wie durch Pausen des Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und Absichten die Rede, denn dieser wollte nächster Tage eine weite Reise antreten, und man wußte nicht, wann und wie man sich wiedersehen würde.

„Ich will ins Ausland,“ sagte Hermann Lauscher, „ich muß mich absondern und wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne einmal zurückkehren; für jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als röche mir alles nach Tabak und Bier; außerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon fast mehr Wissenschaft aufgesogen als für einen Künstler gut ist.“

„Wie meinst du das?“ fiel Oskar ein. „Ich denke, bildungslose Künstler, speziell Dichter, hätten wir genug.“

„Vielleicht!“ antwortete Lauscher. „Aber Bildung und Wissenschaft ist zweierlei. Das Gefährliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte Bewußtheit, in die man sich allmählich hineinstudiert. Alles muß durch den Kopf gehen, alles will man begreifen und messen können. Man probiert, man mißt sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert mit sich, und schließlich sieht man zu spät, daß man den bessern Teil seiner selbst und seiner Kunst in den verspotteten unbewußten Regungen der früheren Jugend zurückgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den versunkenen Inseln der Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit der ganzen unüberlegten Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist schon wieder ein Stück Bewußtheit, Pose, Absichtlichkeit darin.“