„Dummes Zeug!“ fluchte Ugel ärgerlich.

„Weshalb, lieber Herr?“ entgegnete sanftmütig der Alte. „Aber dem sei wie ihm wolle, man darf an solchen Geheimnissen nicht allzuviel tasten . . . Ich höre, Herr Lauscher, Sie wollen schon morgen uns und dieses Land verlassen? Wie man sich täuschen kann! Ich hätte gewettet, Sie blieben noch länger hier, da Sie, wie mir schien, eben durch die Lulu . . .“

„Genug, genug, Herr!“ fiel ihm Lauscher wild aufbrausend in die Rede. „Was zum Teufel gehen Sie anderer Leute Liebesaffären an!“

„Nicht so heftig!“ beruhigte lächelnd der Philosoph. „Davon, Wertgeschätzter, war ja gar nicht die Rede. Daß ich mich mit den Verwicklungen fremder Schicksale, besonders Dichterschicksale, beschäftigte, gehört zu meiner Wissenschaft. Für mich besteht kein Zweifel darüber, daß zwischen Ihnen und unserer Lulu gewisse subtile magische Beziehungen statthaben, wenn schon, wie ich ahne, ihrer ersprießlichen Wirkung zurzeit noch unüberwindliche Hemmnisse im Wege liegen.“

„Erklären Sie mir das doch, bitte, etwas näher!“ sagte der Dichter kühl, aber doch neugierig.

Der Alte zuckte die Achseln. „Ei nun,“ sagte er, „jedes irgend höher stehende Menschenwesen strebt instinktmäßig nach jener Harmonie, die im glücklichen Gleichgewicht des Bewußten und des Unbewußten bestände. Solange aber der zerstörende Dualismus das Lebensprinzip des denkenden Ich zu sein scheint, neigen strebende Naturen gerne in halbverstandenem Instinkt zu Bündnissen mit entgegengesetzt Strebenden. Sie verstehen mich. Solche Bündnisse können ohne Worte, sogar ohne Wissen geschlossen werden, können wie Verwandtschaften unerkannt, rein gefühlsmäßig leben und wirken. Jedenfalls sind sie vorbestimmt und stehen außerhalb der Sphäre des persönlichen Willens. Sie sind ein unermeßlich wichtiges Element dessen, was man Schicksal nennt. Es ist vorgekommen, daß das eigentliche, wohltätige Leben eines solchen Bündnisses erst im Augenblicke der Trennung und Entsagung begann; denn diese unterliegen unserm Wollen, dem die Macht jener Sympathie sich entzieht.“

„Ich verstehe Sie,“ sagte Lauscher mit verändertem Ton. „Sie scheinen mein Freund zu sein, Herr Drehdichum!“

„Zweifelten Sie daran?“ lächelte dieser fröhlich.

„Sie kommen heute Abend zu meiner Abschiedsfeier in der Krone!“

„Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen Berechnungen wird mir diesen Abend eine wichtige Aufgabe zuteil werden, ein alter Traum sich erfüllen . . . Aber vielleicht läßt es sich vereinigen. Auf Wiedersehen!“ Er sprang auf, grüßte mit winkender Hand und verlor sich rasch auf der talwärts führenden Straße.