Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln schlugen. Wir saßen auf der grünen Großvaterbank und hatten unsere Zukunft wie ein großes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der große Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft. Ich las dir vor bis zu jener traurigen Stelle — weißt du noch? Es war beinahe dunkel geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach hätten wir doch zu Ende gelesen! Aber du weintest und stießest das Buch von deinem Schoß und liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang unsre Nachtigall.
Ich weiß jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach derselben Weise. Man hört diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind voll Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter, sogar gemein. Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf jenen Seiten, die du so unmutig überschlugst. Sie quälen mich seither, und stöhnen, und wollen gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorüber, sie ist gar nie gewesen, denn die schönsten Seiten im Buch meiner Jugend überschlugst du an jenem Abend im Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet — warum wolltest du sie nicht lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die Harfe klingt wie sonst, nur wenn die Melodie auf die gebrochenen Saiten springt, entsteht ein herzbeklemmend leeres Schweigen und reißt mitten durch das ganze Lied. Hast du nie auf einer Harfe spielen hören, an welcher eine Saite fehlte? War es dir nicht jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es gerade der süßeste, erlösende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer das Süßeste, Erlösende, brennend Erdürstete gerade das, was mir und dir in jedem Augenblicke fehlt?
Hab ich dich traurig gemacht? Verzeih’ mir, Maria! Ich wollte es nicht tun, ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wollte dich nur fragen, ob du noch an jenen fernen warmen Frühlingsabend denkst. Ich wollte nur dich erinnern, dich fragen und dein Kopfnicken wiedersehen, die träumerisch graziöse Bewegung, die schon damals mein knabenhaftes Herz entzückte. Denk’ dir, der Abend wäre heute wieder! Du brauchst nur die Augen zu schließen, zu lächeln und deine Hand auf meine Hand zu legen. Hörst du nicht den großen Ahorn rauschen? Siehst du nicht das Veilchenbeet und die Taxushecken? Hörst du nicht ein feines knisterndes Wiegen? Ein großes helles Ahornblatt wankt hoch oben vom Zweig und dreht sich leise durch die warme Luft herab, ganz wie damals, ganz wie damals. —
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O Maria! Warum hast du die Augen aufgemacht? Und siehst mich so traurig, bitter und erschrocken an! Der Traum ist hin.
Und das große Ahornblatt dreht sich in der Luft und sinkt und fällt, und liegt auf dem Sims meines Fensters. Es ist welk, ich hör’s am Fallen, und wende das Gesicht zur Seite. Draußen ist Regen, Stille und Mitternacht.
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Die zweite Nacht.
Du bist heute schweigsam, meine schöne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht ist so lang! Was spielen wir?
Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser schneeweißes Nachtschloß, die breite fürstliche Treppe empor, an den geduldigen steinernen Löwen vorbei, durch die offenen halbbögigen Torflügel, über die schwarzweißen Samtfelder der Flurteppiche und die geschwungene massive Treppe hinan. Sie führt mich an den Drachenleuchtern vorbei in den großen Flügelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glänzenden Porphyrsäulen so kühl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel rauscht. Wir sitzen vor der dunklen tönenden Schale nieder, durch die offenen Fensterbogen blendet das weiße Mondlicht herein und verzittert auf dem sich kräuselnden Wasser in bleichen, zerrinnenden Silberlinien. Gegenüber, jenseits des Brunnens, glänzt auf der geräumigen Dreieckfläche einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus.