Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit? Die bleiche, wachsame, die an einsamen Betten sitzt?

An meinem einsamen Bette saß sie viele lange Nächte lang, sie legte mir die geschmeidige, kranke Hand auf die Stirn, sie sang mir Lieder mit ihrer müden Stimme, Lieder ohne Zahl, Heimatlieder, Kinderlieder, Lieder der Liebe, des Heimwehs und der Melancholie. Und statt des entflohenen Schlummers breitete sie über meine ermüdeten Augen den dünnen, farbigen Schleier der Erinnerung und der Phantasie.

O diese langen, schleichenden Nächte, in denen unser wahrstes Wesen alle tagüber gewobenen schmucken Gewänder von sich streift und uns mit Fragen, Bitten und Vorwürfen bestürmt wie ein krankes Kind! O diese schmerzhaft klaren Erinnerungen an alle Augenblicke unseres Lebens, in denen wir wider uns selbst und wider die geheimen Gesetze des Lebens gesündigt haben! Diese Kette von Blindheit, Grausamkeit und Mißverständnis, mit der wir uns selbst zu unentrinnbarer Qual an diese angstvollen Stunden geschmiedet haben. Gibt es einen Menschen von solcher Reinheit, daß er nur eine einzige solche Nacht seiner Seele in die wahrhaftigen Kinderaugen blicken könnte, ohne unzähligen Vorwürfen und Selbstpeinigungen zur Beute zu fallen?

Ich weiß es nicht und glaube es nicht. Und dennoch entrann ich diesen Stunden und lernte sie segnen und sah die Verzweiflung nur auf dunkler Lauer verborgen liegen, unberührt von ihrem giftigen Atem.

Das war jene Muse, jene bleiche, wachsame, die mit den geschmeidigen Händen mich vom Abgrund zurückhielt. Ich danke dir, du Fremde, Phantastische, und widme dir diese Erinnerungen unsrer gemeinsam verträumten, wachen Nächte. Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über meine fiebernden Augen beugtest! Wie schön du warst, wenn du mit mir der Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge in die Nacht gewendet, die helle vergeistigte Stirn von einer losen Locke märchenblonden Haares überhangen! Wie schön du warst, wenn du weintest, wenn du das Auge senktest und schweigend auf dem weißen Bette meine Hand mit deiner schmalen Linken suchtest, wenn der Traum einer verlorenen Liebe über dein ernstes Gesicht wie ein leiser schmerzlicher Schatten lief!

Wie schön du warst!

* *
*

Die erste Nacht.

Regen, Stille, Mitternacht. Wie heißest du, schöne Blasse? Du lächelst, du legst deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, daß sie wie Geschwister aussehen. Ich will dich Maria nennen.

Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schönen Jahr, daß ich dir jene Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither schöner geworden — ach hättest du damals den Schluß meiner Novelle abgewartet, so wären wir zusammen jung geblieben und du säßest nicht an meinem Bette, um mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen zu helfen. Aber du nahmst meine Geschichte für Ernst und hast sie damit uns selber zum Ernst gemacht. Jener ungelesene Schluß ist in den Märchenbrunnen zurückgefallen und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darüber.