Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung hüllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein süßes, träumendes Netz von Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell rollte der glänzende Vorhang in die Höhe: eine weite Bühne tat sich in tiefer Dämmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hörte im Dunkeln, wie er den Sessel rückte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bühne, Haar und Bart noch voll von Rosen. Allmählich war der Raum der Bühne von einem immer mehr zunehmenden Licht erfüllt, bis klar und glänzend Quelle und Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blühend und rauschend zu erblicken waren.

Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhöhten Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berückend in perlblauer Schönheit das Opalschloß empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbögen der König Ohneleid in mächtiger Ruhe thronend zu sehen war. Während das Licht immer mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich bückenden Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der Schaubühne. Der Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und schauerte in fiebernden Wellen silbern und irisfarbig über die Opalmauern hin.

Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein großer, königlicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des Vordergrundes zur Seite, eine festliche Treppe senkte sich von der Bühne herab. Im dunkeln Zimmer erhob sich hoch und schlank die schöne Lulu, schritt über die hinter ihr wieder zurückweichende Treppe hinan und stellte sich in unsäglicher Schönheit als Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung überließ ihr der Geist Haderbart die Harfe; Tränen flossen aus seinen klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer gelösten Rose aus seinem Bart zur Erde.

Die Prinzessin stand hoch und glänzend vor der Harfe Silberlied. Sie streckte die Rechte in höchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die Harfe an ihre Schulter her und lief mit schlanken Fingern über alle Saiten. Ein Lied von unerhörter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten sich alle hohen Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die tönenden Zaubersaiten — da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang nieder. Einen Augenblick war er noch ganz von inwendigem Glanze durchleuchtet, in heftiger Bewegung tanzten die gestickten Lilien durcheinander, immer schneller und rasender, bis nur noch ein einziger silberner Wirbel zu sehen war, der plötzlich lautlos in völlige Finsternis versank.

Betäubt und sprachlos standen und saßen die Freunde im finstern Zimmer. Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit abscheulichem Lärmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten und schalten. Ein Nachtwächter pochte von der Straße aus mit dem Spieß an die verschlossenen Fensterläden. Man schrie und fragte, jeder an den andern hin.

Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der Referendar Ripplein begann ärgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden; doch hörte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen und hatte von innen geriegelt.

Als er andern Tages in aller Frühe verreiste, war von der schönen Lulu noch keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er über den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung machen. Denn er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gemäß aufgeschrieben.

Schlaflose Nächte.
(Geschrieben 1901.)

Widmung.