Nun tragen alle Dichter

Ihr farbigstes Festgewand.

Nun blühen Lilien und Rosen

So weiß und rot wie nie,

Nun singt die Harfe Silberlied

Ihre seligste Melodie.

Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden Rosenkorb und warf applaudierend der Sängerin ganze Hände voll weißer Rosen zu. Der fröhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz, Dutzende, hundert, weiße, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an Mitternacht, und begann zu reden:

„Liebe Freunde und schöne Lulu! Wir sehen alle, daß das Reich des Königs Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich muß heute von euch Abschied nehmen, doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein König, zu dem ich zurückkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wäret ihr Philosophen, so würde ich euch eine schöne allegorisch-mystische Geschichte von der Wiedergeburt des Schönen und speziell von der Erlösung des poetischen Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzählen, welche Geschichte heute ihr seliges Ende erfährt. So aber tue ich besser, euch den zu lösenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen zu führen. Schauet her, ein askisches Stück!“

Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen großen gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser Vorhang wurde plötzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe von zahllosen silbernen Lilien, die eine schön in Marmor gefaßte starke Quelle umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so wunderbar, daß man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, daß man die Quelle sprudeln und sich ergießen sah, ja, daß man ihr edles kühles Rauschen stark vernahm.

Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, daß schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten entzückt und erregt dem Zauberspiel der künstlichen Lilien; nur der Dichter achtete es nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glühend und anbetend auf die schöne Lulu. Ein heilig schönes, zartes Leuchten lag auf ihrem feinen Gesicht, matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in ihrem prachtvollen dunkeln Haar die weiße Rose.