„Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch immer liebt.“

Man hat keine Nachricht darüber. Oder soll ich Ja sagen?

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Die dritte Nacht.

Lege deinen blonden Kopf an meine Schulter, meine arme Muse! Ich sehe wohl auf deiner schönen Stirne diese leisen, schwermütigen Linien, ich sehe wohl beim Beugen deines Halses diese müde, kranke Bewegung, und ich vermag auch wohl in dem feinen, feinen Aderspiel deiner klaren, weißen Schläfe zu lesen.

Komm, weine nur! Das ist Herbst, das ist die letzte zitternde Mahnung der unaufhaltsamen Jugendflucht. Du kannst sie auch in meinen Augen lesen, auch auf meiner Stirn und auf meinen Händen steht sie geschrieben, tiefer als auf deinen, und auch in mir ruft dieses peinigende, schluchzende Wehgefühl: es ist zu früh, es ist zu früh!

Komm, weine nur! Wir sind noch nicht am Ende, wenn wir noch weinen können. Wir wollen diese Tränen und diese Trauer mit aller eifersüchtigen Sorge unserer Liebe bewachen. Vielleicht steht hinter diesen Tränen unser Kleinod, unsere Poesie, unser großes Lied, auf das wir warten.

Unsere rosenroten Liebeszeiten sind vorüber, aber sie rühren noch mit so viel zarten Fäden an uns — laß ihnen ihr schmerzlich schönes Vergangensein! Wir wollen ihnen mit Kosenamen und mit Liedern rufen, wir wollen ihre hellen Erinnerungen wie scheue, geliebte Gäste durch Zartheit und schonende Pflege festhalten. Auch wollen wir nicht mehr davon reden, wie viele Frühlinge wir uns selber entblättert haben, ich und du; wir wollen denken: Es hat so kommen müssen, und wir wollen nicht aufhören uns zu schmücken und zu warten — auf unser Lied.

Unser Lied! Weißt du noch, wie wir von ihm träumten, in jener ersten Zeit unserer Liebe? Das war im Kloster, in jener prachtvollen Brunnenkapelle, wo sich der Laut des fallenden Wassers so zart mit der klösterlichen Schweigsamkeit der gotischen Kreuzgänge verflocht. Weißt du noch? Und jene Abende! Die kühlen, mondhellen Abende jenes Spätherbstes, die so weich und traumverzaubert auf den Dächern des Klosters lagen, und auf dem kahlen Garten und über den duftigen, kühlen Bergen! Der Wind lief durch die steinernen Fensterblumen und gewann Klang in den schwarzen Kreuzgewölben, der Mondschein lief über die breiten Simse und über die weißen Dielen des Oratoriums. Und ich erzählte meinem Freund Wilhelm in der verborgenen Fensternische von der fernen dunklen Zeit, in welcher die Klöster und die großen Dome aus der Erde wuchsen, und von den Stiftern, Rittern, Bauherren und Äbten, deren bildnisgeschmückte Grabsteine drunten im Kreuzgang fremd und gespenstisch im weißen Mondschein lagen. Ich hatte damals mehrere Freunde, von denen Wilhelm mein Liebling war. Du sahest ihn oft mit mir, zumal in solchen Mondnächten, und auch die andern: schlanke, begeisterte Knaben wie ich selbst. Frag nicht, wo sie sind und was aus unserer Freundschaft geworden ist! Auch jetzt hab ich Freunde, zwei, drei — von den damaligen ist keiner mehr darunter. Aber du bist noch da und liebst mich noch, und bald oder spät, wenn auch die Freunde von heute tot oder fremd sein werden und kein Mensch mehr von meiner Jugend mit mir plaudern wird, wirst du noch immer bei mir sein, und mich zuweilen bitten, von den vergangenen schöneren Zeiten zu reden. Dann werden wir auch an heute denken und dieses traurige Heute wird uns wunderbar fern und lieb erscheinen wie eine ferne kleine Jugend. Und vielleicht wird dann aus diesem ferngewordenen, von Erinnerung verklärten Heute unser Lied aufsteigen. Unser Lied!

Das Lied wäre dann ein weiches, duftiges Bild voll Zauber und Seele, aus dessen dunkeltönigem Grund unsere Gestalten weich wie ein Traum mit schwebenden Konturen hervortauchten, der schlaflose Dichter mit der in die heiße Hand gestützten regen Stirn und an seine Schulter gelehnt der schöne, müde Blondkopf seiner knieenden Muse. Und dieses eine, zarte Bild würde allein übrig bleiben von meinem rastlosen Leben; lang nach meinem Tode noch würden spätgeborene Freunde es betrachten und lieben. „Der arme Dichter!“ würden sie sagen und doch den armen Dichter um sein einziges unsterbliches Bild und um seine blonde, unbeschreibliche, knieende Muse beneiden.