Das ist mein Fluch und Glück, daß ich keine Schönheit grob und froh genießen kann, daß ich sie auflösen, durchdringen, in Einheiten zerlegen und über die Möglichkeit ihres Wiederaufbauens auf künstlerischem Wege nachdenken muß. Nur zuweilen kommt das alte schwere Wesen, das ich so konsequent von mir abstreifte, für Augenblicke anklingend wieder über mich — die alte unschuldig stumpfe Hingebung und rechenschaftslose Schwelgerei. Diese Augenblicke müssen immer seltener werden, ich darf um ihre kurze trübe Lust nicht mein Ideal verkaufen, denn ein völliges Zurückkehren in die harmlose Dämmerung ist mir doch nie mehr erlaubt. Wenn irgendwo, so liegt für mich Lust und Sinn des Lebens im Fortschreiten, im immer bewußteren Klarlegen und Durchdringen der Wesenheit und Gesetze des Schönen.

Eine Stunde jenes Zurückdämmerns hatte ich heute. Nach Mittag, in der herrlichen Sonnenglut, mitten auf dem breiten See, Weggis gegenüber. Ich lag über die Rudersitze hingestreckt und blickte über die Seefläche. Eine Flut von Rotblau und Gold schwoll vor meinem Blick breit und rastlos hin. Alle meine Sinne schliefen und träumten; ein warmes schwärmerisches Wohlsein hielt mich gebannt. Mein Auge vermochte keinen Kontur, keinen Strahl, keine Lichtgrenze zu unterscheiden, mein Blick verlor allen Willen und taumelte wie ein Freigelassener durch ein Meer von unverstandener Schönheit, von Rot, Blau und Gold, ungleich und ziellos wie der Flatterflug eines Falters.

Vitznau, 7. September 1900.

Der äußerste Vorsprung der „oberen Nase“, vom Lande unzugänglich, ist mit einer kleinen Pflanzung junger, ich schätze etwa fünfzehnjähriger Eichen bestanden. Das helle, in der Farbe herbe Laub gibt im Wasser einen wunderbaren Effekt. Der ganze Wasserfleck erscheint schon von ferne ausgezeichnet durch eine aparte, gelbliche Helligkeit, und überraschend köstlich ist es, aus dem tiefgrünen, vormittäglichen See in diese scharfbegrenzte, hellere Fläche zu fahren. Ich sah heute dort, leider ohne Sonne, den Spiegelkontur einer weißen Wolke diese eichengrüne Grenze zweimal schneiden. Das Weiß blieb unverändert und zeigte nur an der Seeseite schärfere Konturen. Während ich die schönen Linien verfolgte, ging ein Dampfer vorüber, in dessen Kielwasser plötzlich das Silber eines flüchtigen Sonnenblickes aufblitzte. Einige Sekunden lang blieb der ebene Wasserstreif im Silber, die jenseitigen Schiffswellen glänzten matt goldbraun, die diesseitigen blieben hellgrün mit weißen Lichtern. Einige Sekunden — und in diesen Sekunden verstand und genoß ich mit freiem Auge diese plötzliche, raffinierte Kombination wie das Lächeln einer Göttin, wie den aufleuchtenden, reimgeschmückten, prägnanten Vers eines Gedichtes.

Vitznau, 8. September 1900.

Ein unsicherer, windiger Tag, mit flüchtigen Sonnenblitzen. Ich fuhr Buochs gegenüber am Bürgenstock hin. Jenseits glomm der See gegen das Ufer hin unzähligemal in einer seltsamen, feinen, kühlen Farbenflucht auf, ganz wie blanker Stahl im Verkühlen: rotblau, rotbraun, gelb, weiß. Von halber Höhe des Bürgenstocks drang Geläute von Kuhglocken herab. Die schönen, welligen Matten standen lichtgrün in den blassen Himmel und zeigten jenen unsäglichen, traurig-kühlen herbstlichen Ton, den man nie entstehen sieht und der jedes Jahr wieder in irgend einer Stunde plötzlich da ist und uns erinnert, wie uns der Name eines lieben Toten erinnert — an den großen Wechsel, an die Unsicherheit des Grundes, auf dem wir bauen, an den Tod, an die unzähligen mühsamen Wege, die wir unnützerweise gegangen sind.

Ich ruderte aus, um die Tönungen der Wellen im Buochser See zu betrachten, um mein Gedächtnis mit dem Bild einiger Farbenvermischungen, einiger Lichtbrechungen, einiger Silbertöne zu bereichern. Ich ruderte aus, kühl, fröhlich und elastisch, einen Reim im Ohr, einen Vers auf den Lippen, um die Schönheit auf einigen mir noch fremden Wegen, in einigen neuen Spielen zu belauschen — und endete damit, diese Herbstmatten zu finden, die ersten dieses Jahrs, diese unabweislichen, zarten, traurigen Boten.

Ich wendete mich um und ließ das Auge lang auf dem bewegten, frischen Wasser ruhen, ich beobachtete in der Luft gegen Brunnen und an der Wand des Oberbauen einen einzelnen Sonnenstrahl; aber mein Gedanke verfolgte ihn nicht mit seinem rastlosen, elastischen Eindringen. Nur mein Auge sah die blaßgoldenen Reflexe zittern und verleuchten, mein Gedanke nahm nicht teil, er verweilte hinter mir, über dem steilen Walde, auf jenen bleichgrünen Matten. — Herbst!

Und ich besann mich, ob ich auf dem rechten Wege sei, ob mein rastloser Lauf mich meinem Sterne nähere oder entführe, ob er mich jemals in geistige Höhen führen könne, in welchen dieser Herbst und diese Traurigkeit mich nicht mehr würden berühren können.

Hier gab es in meinem Nachsinnen einen Moment, in welchem ich, hätte ich es in meiner Macht gehabt, den ganzen Schleier des äußeren Lebens von mir gelegt und alle Fäden der Lust, der Liebe, der Trauer, des Heimwehs und der Erinnerung abgeschnitten hätte. Ein Höhepunkt, ein kurzes, ruhiges Atemholen auf hohen Gipfeln: hinter mir alle Beziehungen des Menschlichen, vor mir die leichte, kühle Weite der Schönheit des Absoluten, des Unpersönlichen. Ein Augenblick — ein Atemzug!