Die Glockenlaute schwankten herab, ich schloß die Augen und sank und sank von der Höhe. Eine schwere, körperhafte Trauer bekam Gewalt über mich. Ich wollte entrinnen, mein Gedanke bäumte sich noch einmal wie ein mißhandeltes Roß, aber ich unterlag. Und jene schwere, müde Traurigkeit überwältigte mich, beugte mich tiefer und tiefer, löschte alle Sterne aus, quälte mich und feierte alle schmachvollen Triumphe eines grausamen Siegers.
Klar und nahe, wie durch eine plötzlich zerrissene Hülle, lag der helle Garten meiner frühesten Erinnerungen vor meinem Auge. Und meine Eltern. Und meine Knabenzeit, meine ersten Liebeszeiten, meine Jugendfreundschaften. In dieser bedrückten Stunde redeten sie alle eine so traurig-fremde, schöne Sprache, so heimwehmachend und so ernsthaft fragend wie die Züge von Toten, denen wir Tränen nicht getrocknet und Wohltaten nicht erwidert haben. Ich wies sie von mir, und sie gingen, eine tote Gegenwart hinterlassend.
Zugleich mit dem lastenden, schwächenden Herbstgefühl stieg eine peinigende Abschiedsstimmung in mir auf. Ich sah hinter den wenigen noch freien, einsamen Ruhetagen die Stadt und das wiederbeginnende aufreibende Leben auf mich warten, die vielen Menschen, die vielen Bücher, die unzähligen Nötigungen zu Lüge, Selbstbetrug und Zeitverderb. Und plötzlich brannte meine ganze Jugend in schmerzlicher Lebenslust in mir auf, ich warf mich in die Ruder, kreuzte auf der großen Bucht umher, kehrte um den Vorsprung des Bürgenstocks zurück, bis an die Matt, bis nach Weggis. Die notwendige Ermüdung sättigte mich nicht, gierig und verzweifelnd erfüllte mich ein klaffendes Ungenügen, eine Lust, alle Freiheit und Kraft meines Lebens in eine einzige Stunde gedrängt jäh und lachend zu vergeuden. Der See war mir zu schaal, die Berge zu grau, der Himmel zu niedrig. In Weggis nahm ich ein Bad und schwamm in den See hinein, drängte mich mit beiden Armen in das Wasser, tief atmend. Müde geworden legte ich mich auf den Rücken, ganz langsam schwimmend, und hing mit wartenden Augen am Himmel, unbefriedigt, überdrüssig. Ich hätte mein Leben für das Gefühl der Fülle und des Genusses gegeben, nach dem ich dürstete.
Und dann schwamm ich zurück und bestieg das Boot wieder mit der ganzen dumpfen Trauer des Herbstes, des Abschieds und der inneren Ungewißheit.
Seither bin ich ruhiger geworden. Mein Prinzip hat gesiegt, ich genieße nun diese Trauer und Hoffnungslosigkeit, wie ich mich gewöhnt habe, auch schlechtes Wetter zu genießen. Sie hat ihre eigene Süßigkeit. Ich unterrede mich mit ihr und spiele auf ihr, wie ein Sänger auf einer schwarzen in Moll gestimmten Harfe spielt. Was will ich im Grunde anders von jedem Tag als eine Stimmung, eine ihm eigentümliche Farbe, und, wenn es glückt, ein Lied?
Vitznau, 9. September 1900.
Als ich heute mit der Angelrute am Ufer saß, der nachklingenden gestrigen Traurigkeit ergeben, trat mir plötzlich der Name Elisabeth auf die Lippen. Es gelang mir, ihre Gestalt scharf und rein in mir heraufzubeschwören, so daß sie mich aus meinem Traum wie aus einem tiefen Spiegel anblickte. Zugleich empfand ich eine mächtige Sehnsucht nach der Lektüre der vita nuova, so daß ich beinahe diesem herrischen Gelüste zulieb schon heute nach Basel zurückgekehrt wäre.
Bölsche könnte an mir einen eklatanten Fall von Distanzliebe konstatieren. Prüfe ich mich genau, so muß ich sagen, daß die Anziehungskraft, die Elisabeth auf mich übt, vom ersten Augenblicke an auf einer einzigen frappanten Profillinie beruhte, namentlich auf dem raffiniert eleganten Kontur des Halses und des Kinns im Profil. Aber — was ist an meinem Fall am Ende besonderes, da erwiesenermaßen schon eine Frisur, ja schon ein Kleid, ein Gürtel, ein Band diese Wirkung üben kann.
Ich besitze die Schönheit meiner Liebe in dieser Linie, wie man ein Meisterbild nach reichlicher Anschauung besitzt, so daß es nur an dem jeweiligen Versagen der Vorstellungskraft liegt, wenn ich noch nach ihrer körperlichen Gegenwart verlange. Und doch — ich tue Unrecht, meine Liebe, das arme Schoßkind, so formal zu deuten. Wie oft habe ich doch gewünscht, ihre feine Hand zärtlich zu berühren, sie zum Plaudern zu bringen, lang in ihre Augen zu sehen! In diese Gedanken und Begierden spielen schon alle unfaßbaren Reflexe der jenseitigen Schönheit herein. Sobald meine Skepsis einen Augenblick schläft, höre ich doch in meiner Liebe die Engel singen und Paradieserinnerungen an die Pforte meiner Seele pochen. Und sie selbst, meine Seele, leidet lächelnd unter allen Rohheiten und Vergewaltigungen des herrschsüchtigen Gedankens. Sie schläft unter dunklen Schleiern, schläft und träumt vielleicht von den innersten Geheimnissen jener Welt, an deren Toren mein bewußtes Leben in seinen höchsten Momenten noch beklommen stehen bleibt.
Und diese meine Seele erzählt mir in wohllaut-fremder Sprache von einer seligen Heimat, deren wir beide, Elisabeth und ich, verlaufene Kinder und verirrte Bürger sind. Wie ein fremdartig süßer Duft, wie Takte einer niegehörten, dennoch traumbekannten Melodie — wie Antwort auf nie gefragte, dennoch wohlgefühlte Fragen.