Ich werde es nicht vergessen, mein Leben lang nicht. O diese Nacht! Ich werde in jeder schlaflosen Nacht an der Erinnerung dieser Qualen leiden, sie werden aus jedem Genuß, aus jeder Reizung wie verborgene böse Geister hervorblicken, alle Grenzen von Wohl und Weh verwischend und alle Empfindungen auflösend in jenes stachelnde, giftig süße, schmerzlich ermüdende Gefühl, das mich nie so wie in dieser Nacht gepeinigt hat. Das Presto jener unheimlichen B-Moll-Sonate von Chopin hat etwas davon — es ist einem dabei, als würden feine, feine bloßliegende Nerven streichelnd berührt. Prickelndes Wehgefühl, leiser süßer Schmerz — aber ein Takt zu viel und man fällt in alle Foltern einer verzweifelten, raffinierten Traurigkeit, die bis zum heftigen körperlichen Schmerz zu steigen vermag.
Elisabeth — . . . . .
Ziehen wir das Fazit! Mir bleibt bei leidlich jungen Jahren der noch respektabel konservierte Rest einer ehemals recht ansehnlichen Phantasie, eine gewisse, wenn schon etwas abgenützte Fähigkeit zum Genießen und Arrangieren schillernder Stimmungen, sowie ein kleiner Fonds von „Seele“, der bei vorsichtigem Gebrauch eventuell noch eine und die andere Liebe leichteren Genres zu inszenieren und zu überdauern vermag. Rechnen wir dazu eine durch lange Gewohnheit erworbene Fertigkeit im Tragisch-Idealischen und in der souverän duldenden Pose, so muß ich mir selbst zu so schönen dichterischen Fähigkeiten gratulieren und habe keinen Grund, um meine Zukunft als Autor besorgt zu sein. Ich werde Niels Lyhne nicht ohne persönliche Note imitieren und die sublimsten Wiener in Ekstasen übertreffen. Das heißt auf deutsch: Pfui Teufel! Aber wozu habe ich Neudeutsch und Wienerisch gelernt?
Basel, 16. September 1900.
Schon wieder genug und übersatt! Ich hatte mich auf meine Bücher gestürzt, die Pausen der vita nuova-Lektüre mit E. T. A. Hoffmann und Heine gefüllt, in müden Stunden zwischen den preziösen George und den lyrischen Hofmannsthal ein Kapitel Jakob Böhme eingeflochten. Übrigens Respekt vor meinem Antiquar! Er hat mir den unvergleichlichen 1730er Böhme verschafft, ed. Ueberfeld, mit angefügten Kupfern. Wenn nur der „Gottselige Hocherleuchtete Teutonicus Philosophus“ mit seiner ganzen Theosophia revelata etwas amüsanter wäre! Es sind Kapitel von besonderem Reiz vorhanden, aber man muß sparsam lesen, um der Sprache die fremde Tonart zu lassen. Den Spruch von der Galle, den ich heute bei ihm gelesen, will ich mir doch notieren: „Siehe, ein Mensch hat in sich eine Galle, das ist Gift, und kann ohne die Galle nicht leben, denn die Galle macht die siderischen Geister beweglich, freudenreich, triumphierend oder lachend, denn sie ist ein Quell der Freuden. So sie sich aber in einem Element entzündet, so verderbt sie den ganzen Menschen, denn der Zorn in den siderischen Geistern kommt von der Galle.“ Und dann: „Eben einen solchen Quell hat auch die Freude, und auch aus derselben Substanz wie der Zorn. Das ist, wenn sich die Galle in der liebhabenden oder süßen Qualität entzündet, in dem, was dem Menschen lieb ist, so zittert der ganze Leib vor Freuden, in welchem manchmal die siderischen Geister auch angesteckt werden, wenn sich die Galle zu sehr erhebt und in der süßen Qualität entzündet.“
Vor wenig mehr als zwanzig Jahren machte ich als kleiner, blonder Knabe den ersten Leseversuch. Mein Vater fand mich über ein Buch gebückt und nannte mir einige Lettern. Dann aber schloß er das Buch und erzählte mir nach seiner klugen, liebreichen Art von der großen Welt der Buchstaben und Bücher, die sich mir mit dem A-B-C erschließen würde und zu deren Kenntnis das längste Leben des fleißigsten Lesers nicht zum tausendsten Teil genüge. Er selber war damals schon über Büchern fast grau geworden und trug die Werte unzähliger Bände hinter seiner hohen, scharfen, allzu oft schmerzenden Stirn gespeichert. Zwanzig Jahre! Ich habe seither ein tüchtiges Stück dieser Buchstabenwelt umgeackert und manchen fast verschollenen Schmöker hervorgekramt und umgeblättert. Und jetzt — die wenigen überragenden Worte, die noch Gewalt über mich haben, würden keine zehn Bände füllen. Es gibt noch eine Zahl von seltenen alten Schriften, nach denen ich Verlangen habe und deren jede mich, wenn sie in meine Hände fällt, neugierig zu machen und zu erregen vermag — und dann ist es wie mit dem gefangenen Schmetterling: die Lust ist gebüßt, das seltene Exemplar hat einen Augenblick den erfreuenden Glanz gehabt, und übrig bleibt — ein Büchertitel und eine Lücke im Register der noch zu erhoffenden Befriedigungen.
Basel, ohne Datum.
Ich wartete gestern abends am Kasino, um das Publikum aus dem Konzertsaal kommen zu sehen. Es war kalt und regnete. Dann quoll die Menschenmasse heraus. Und auf der Treppe von den Balkonsitzen tauchte plötzlich zwischen bekannten Gesichtern das Gesicht Elisabeths hervor. Sie stieg langsam herab und verschwand mit ihren Begleitern in der Menge. Diese Minute, in welcher die ganze schöne Gestalt auf der beleuchteten Treppe warm und fröhlich heraustrat, gab mir eine eigentümliche Stimmung. Ganz wie in schönen antiquierten Romanen war ich der traurige Liebhaber, der vor erleuchtetem Festsaal in der Regennacht steht und seine Dame geschmückt und scherzend mit begünstigten Begleitern vorüberschreiten sieht. Sein Hut ist tief in die schmerzende Stirn gedrückt, sein grauer Mantel flattert im Wind. Sein Auge blickt Verachtung, aber auf den schmerzlich verzogenen Lippen liegt Liebesweh und zehrende Trauer. Er wendet sich ab, lüftet den Hut, streicht mit der heißen Hand über die heiße Stirn und das regennasse Haar und verschwindet in den Nebeln der unwirtlichen Regennacht.
Und zwar zu Frau Buser in die Fischerstube. Diese brachte mir in zahlreichen Bechern die „süße Qualität“ herbei, nachdem die Reaktion der Galle auf die „liebhabende Qualität“ den guten Böhme Lügen gestraft hatte. Ich hatte dort ein langes Gespräch mit Hesse, der mich natürlich wieder nörgelte und zwickte, bis ich grob wurde. Dann war er zufrieden, ich auch, und am Ende führte mich der Gute durch alle Fährlichkeiten wankender Häuserreihen und walzertanzender Gaslaternen meinen Penaten zu.