Wenn sich mein Jugendfreund Elenderle nicht in jener ärgerlichen Nacht im Tübinger „Walfisch“ erschossen hätte, würde ich ihn zur Aufnahme in unsern famosen Klub vorschlagen. Wir haben nämlich zu dreien einen „Klub der Entgleisten“ gegründet. Drei Mitglieder ist wenig, aber die Stadt Basel vermag in dieser Branche nicht mehr.
Basel, ohne Datum.
Hesse will mir einen Artikel über Tieck abjagen, den er doch besser kennen müßte als ich. Dabei fiel mir plötzlich die fabelhafte Ähnlichkeit auf, die zwischen jenem Märchendichter und mir besteht. Bei uns beiden dieselben sensibeln Nerven, derselbe Mangel an Plastik, derselbe Zug zum Flüchtigsten, Oberflächlichsten, zum Schillernden, Flackernden und Unfesten, dieselbe launenhaft bewegte Phantasie, dieselbe Verwandtschaft mit der Musik, dieselbe Tendenz zur Auflösung der Prinzipien, zur künstlerischen Ironie.
Basel, ohne Datum.
Ah! ce n’est point gai tous les jours, la bohème!
Basel, ohne Datum.
Das Weintrinken wird auch nicht lange vorhalten. Ich sitze zuweilen in der Wolfsschlucht, trinke Hallauer und blättere in Böhmes „Weg zu Christo“, wobei mir zuweilen die eigentliche Ruchlosigkeit dieser Lektüre für Augenblicke einen leisen Reiz gewährt. „Ich will dich aber gewarnet haben,“ sagt der Theosophus, „ist dirs nicht ein Ernst, so laß die teuern Namen Gottes, daß sie dir nicht den Zorn Gottes in deiner Seele entzünden.“ Und später: „Bist du nicht in ernstem Vorsatze, auf dem Wege zur neuen Wiedergeburt, so laß die obgeschriebenen Worte im Gebete ungenannt, oder sie werden dir in dir zum Gerichte Gottes werden.“
Der fromme Weise hat recht. Seine Worte machen mich unheiligen Leser traurig und „wirken Verzweiflung“, denn jedes von ihnen besitzt jene Kraft und ewige Jugend der Begeisterung und des Glaubens, deren Anblick mich mit Neid und Heimweh erfüllt.
Basel, ohne Datum.
Ich will verreisen. Mir träumte diese Nacht von meiner Jugend, als wohne sie irgendwo verzaubert in einem fernen Lande zwischen grünen Bergen. Auch war mir, als spielte eine schöne, wohlbekannte Frau auf dem Veilchenstraußflügel die Nocturne in Es-Dur von Chopin, jenes Lied, das nur Heimweh- und Flügelkranke ganz verstehen, mit seinen zarten, durch ein geheimes Leiden vergeistigten Takten. Ich holte meine vergessene und verstaubte Geige hervor und rief die zärtlich scheue Melodie mit leisem Striche wach, und aus dem alten, braunen Instrument sang meine verlorene Jugend in heimlichen Untertönen mit.