Die junge Magd drüben war von der Art, die ihm gefiel. Sie war vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre, nicht eben groß gewachsen, und hatte ein bräunliches gutes Gesicht mit einem kleinen Mund, mit braunen Augen und dunklem dichten Haar. Dies stille angenehme Gesicht sah gar nicht fröhlich aus, und die ganze Person saß auf ihrer harten grünen Kiste ziemlich bekümmert und traurig da, so daß Knulp, der die Welt und auch die Mädchen kannte, sich wohl denken konnte, das junge Ding sei noch nicht lange mit seiner Kiste in der Fremde und habe Heimweh. Sie ließ die mageren braunen Hände im Schoße ruhen und suchte einen flüchtigen Trost darin, vor dem Schlafengehen noch eine Weile auf ihrem kleinen Eigentum zu sitzen und an die heimatliche Wohnstube zu denken.
Ebenso regungslos wie sie in ihrer Kammer verharrte Knulp in seinem Fensterloch und blickte mit wunderlicher Spannung in das kleine fremde Menschenleben hinüber, das so harmlos seinen hübschen Kummer im Kerzenlicht hütete und an keinen Zuschauer dachte. Er sah die braunen, gutmütigen Augen bald unverborgen herüber dunkeln, bald wieder von langen Wimpern bedeckt und auf den braunen, kindlichen Wangen das rote Licht leise spielen, er sah den mageren jungen Händen zu, wie sie müde waren und die kleine letzte Arbeit des Entkleidens noch ein wenig hinausschoben, während sie auf dem dunkelblauen baumwollenen Kleide ruhten.
Endlich richtete das Jüngferlein mit einem Seufzer den Kopf mit den schweren, in ein Nest aufgesteckten Zöpfen empor, blickte gedankenvoll, doch nicht minder bekümmert ins Leere und bückte sich dann tief, um ihre Schuhnestel aufzulösen.
Knulp wäre ungern schon jetzt weggegangen, doch schien es ihm unrecht und fast grausam, dem armen Kinde beim Auskleiden zuzuschauen. Gern hätte er sie angerufen, ein wenig mit ihr geschwatzt und sie mit einem Scherzwort ein wenig fröhlicher zu Bett gehen lassen. Aber er fürchtete, sie würde erschrecken und alsbald ihr Licht ausblasen, wenn er hinüber riefe.
Statt dessen begann er nun eine seiner vielen kleinen Künste zu üben. Er hob an, unendlich fein und zart zu pfeifen, wie aus der Ferne her, und er pfiff das Lied »In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad«, und es gelang ihm, es so fein und zart zu machen, daß das Mädchen eine ganze Weile zuhörte, ohne recht zu wissen, was es sei, und erst beim dritten Vers sich langsam aufrichtete, aufstand und horchend an ihr Fenster trat.
Sie streckte den Kopf heraus und lauschte, indes Knulp leise weiterpfiff. Sie wiegte den Kopf ein paar Takte lang der Melodie nach, schaute dann plötzlich auf und erkannte, woher die Musik komme.
»Ist jemand da drüben?« fragte sie halblaut.
»Nur ein Gerbergesell,« gab es ebenso leise Antwort. »Ich will die Jungfer nicht im Schlafen stören. Ich habe nur ein bißchen das Heimweh gehabt und mir noch ein Lied gepfiffen. Ich kann aber auch lustige. – Bist du etwa auch fremd hier, Mädele?«
»Ich bin vom Schwarzwald.«
»Ja, vom Schwarzwald! Und ich auch, und da sind wir Landsleute. Wie gefällt’s dir in Lächstetten? Mir gar nicht.«