»Schlafen Sie?« fragte sie mit halber Stimme. Und noch einmal: »Schlafen Sie? Ich will nur das Geschirr abräumen.«
Da alles ruhig blieb und nicht einmal ein Atemzug zu hören war, streckte sie die Hand gegen das Bett hin aus, zog sie aber in einem Gefühl von Unheimlichkeit wieder zurück und lief nach der Lampe. Als sie nun die Kammer leer und das Bett mit Sorgfalt zugerichtet, auch Kissen und Federdecke tadellos aufgeschüttelt fand, lief sie verwirrt, zwischen Angst und Enttäuschung, in ihre Küche zurück.
Eine halbe Stunde später, als der Gerber zum Nachtessen heraufgekommen und der Tisch gedeckt war, fing die Frau schon an, sich Gedanken zu machen, fand aber nicht den Mut, dem Gerber von ihrem Besuch in der Dachkammer zu erzählen. Da ging unten das Tor, ein leichter Schritt klang durch den gepflasterten Gang und die gebogene Stiege herauf, und Knulp stand da, nahm den hübschen braunen Filz vom Kopf und wünschte guten Abend.
»Ja, wo kommst denn du her?« rief der Meister erstaunt. »Ist krank und läuft dabei in der Nacht herum! Du kannst dir ja den Tod holen.«
»Ganz richtig,« sagte Knulp. »Grüß Gott, Frau Rothfuß, ich komme ja gerade recht. Ihre gute Suppe habe ich schon vom Marktplatz her gerochen, die wird mir den Tod schon vertreiben.«
Man setzte sich zum Essen. Der Hausherr war gesprächig und rühmte sich seiner Häuslichkeit und seines Meisterstandes. Er neckte den Gast und redete ihm dann wieder ernstlich zu, er solle doch das ewige Wandern und Nichtstun einmal aufgeben. Knulp hörte zu und gab wenig Antwort, und die Meisterin sagte kein Wort. Sie ärgerte sich über ihren Mann, der ihr neben dem manierlichen und hübschen Knulp grob erschien, und gab dem Gast ihre gute Meinung durch die Aufmerksamkeit ihrer Bewirtung kund. Als es zehn Uhr schlug, sagte Knulp gute Nacht und bat sich des Gerbers Rasiermesser aus.
»Sauber bist du,« rühmte Rothfuß, indem er das Messer hergab. »Kaum kratzt’s dich am Kinn, so muß der Bart herunter. Also gut Nacht, und gute Besserung!«
Ehe Knulp in seine Kammer trat, lehnte er sich in das kleine Fensterchen oben an der Bodentreppe, um noch einen Augenblick nach Wetter und Nachbarschaft auszuschauen. Es war beinahe windstill, und zwischen den Dächern stand ein schwarzes Stück Himmel, in welchem klare, feucht schimmernde Sterne brannten.
Eben wollte er den Kopf hereinziehen und das Fenster schließen, da wurde ein kleines Fenster ihm gegenüber im Nachbarhause plötzlich hell. Er sah eine kleine niedere Kammer, der seinen ganz ähnlich, durch deren Türe eine junge Dienstmagd hereintrat, eine Kerze im messingnen Leuchter in der Hand und in der Linken einen großen Wasserkrug, den sie am Boden abstellte. Dann leuchtete sie mit der Kerze über ihr schmales Mägdebett hin, das bescheiden und säuberlich mit einer groben roten Wollendecke zum Schlafen einlud. Sie stellte den Leuchter weg, man sah nicht wohin, und setzte sich auf eine niedere grüngemalte Kofferkiste, wie alle Dienstmägde eine haben.
Knulp hatte sofort, als die unerwartete Szene drüben zu spielen begann, sein eigenes Licht ausgeblasen, um nicht gesehen zu werden, und stand nun still und lauernd aus seiner Luke gebeugt.